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Inhalt

Medieninformation 22/2004

Bericht der Gutenberg-Kommission zu den Vorgängen am Erfurter Gutenberg-Gymnasium am 26. April 2002

I.

Diese Presseinformation ist kein abschließender Bericht der Arbeit der sogenannten Gutenberg-Kommission unter Vorsitz von Justizminister Dr. Karl Heinz Gasser, die in den vergangenen 2 ½ Monaten vorhandenes Aktenmaterial ausgewertet, Örtlichkeiten besichtigt und Personen befragt hat, die zu jenem Komplex nähere Auskunft geben konnten. Sie dient vielmehr der Ergänzung der heutigen Pressekonferenz, indem sie die in der Öffentlichkeit hauptsächlich diskutierten Fragen aufzugreifen versucht und Antworten geben möchte zu

  1. Vorgeschichte und Tatvorbereitung,

  2. Tatablauf,

  3. Todeszeitpunkten und möglichen Überlebenschancen der Opfer, sowie

  4. zum Polizeieinsatz,

  5. Rolle des Lehrers Heise und

  6. Persönlichkeitseinschätzung des Robert Steinhäuser.
Eine detailliertere Darstellung und grundlegende Analyse unter Hinweis etwa auch auf alle zum Verständnis notwendigen tatsächlichen Angaben und zur Rechts- und Vorschriftenlage bleibt dem schriftlichen Bericht vorbehalten.


II.

zu 1.
Vorgeschichte und Tatvorbereitung
a) Schießausbildung, Schußwaffen, Erwerb der Waffenbesitzkarte

Robert Steinhäuser ist am 17.10.2000 dem Schützenverein „Domblick e.V. Erfurt“ beigetreten. Da er zu diesem Zeitpunkt noch nicht volljährig war, haben seine Eltern die erforderliche Einverständniserklärung abgegeben. Die im Rahmen seiner Mitgliedschaft im Schützenverein absolvierten Schießübungen ließ er sich - ohne Verpflichtung hierzu - in einem „Schießbuch“ bescheinigen. Diese Eintragungen dienen dazu, die nach dem Gesetz erforderliche Sachkunde nachzuweisen, wenn man beabsichtigt, selbst eine Waffe zu erwerben und die dafür erforderliche Waffenbesitzkarte zu beantragen.
Da Robert Steinhäuser aber nicht nur beabsichtigte, eine Pistole zu erwerben, sondern zusätzlich eine „Pump-Gun“, musste er für die Erteilung der Waffenbesitzkarte auch insoweit eine Bedürfnisbescheinigung erlangen. Dies setzt wiederum ein entsprechendes Training mit einer Schrotflinte voraus, das ebenfalls – etwa durch Eintragungen im Schießbuch – nachzuweisen ist.

Die Kommission kommt hier zu dem Schluss, dass die in Robert Steinhäusers Schießbuch weiter ausgewiesenen Eintragungen über das Schusstraining mit einer Schrotflinte von ihm selbst oder einem Dritten gefälscht worden sind. Die Kommission hält wegen weiterer Unstimmigkeiten sowohl die Erteilung der Bedürfnisbescheinigung durch seinen Schützenverein als auch die Erteilung der Waffenbesitzkarte durch das Ordnungsamt der Stadt Erfurt für problematisch.
Dem Ordnungsamt ist darüber hinaus ein Versäumnis vorzuwerfen: Wenige Tage nach dem Kauf einer Pistole vom Typ Glock 17 ging beim Ordnungsamt vorschriftsgemäß die Verkaufsanzeige des Verkäufers ein. Nach damals geltendem Waffenrecht hätte Robert Steinhäuser innerhalb von zwei Wochen nach Kauf der Waffe dem Ordnungsamt die Waffenbesitzkarte zur Eintragung der Pistole vorlegen müssen. Dies ist nie geschehen; auch eine Rückfrage des Ordnungsamts wegen der gekauften Glock 17 erfolgte nicht. Dies ist insofern nicht ohne Bedeutung, als durch entsprechende Rückfrage und die sich in der Nichteintragung zeigende mangelnde Beachtung der einschlägigen waffenrechtlichen Vorschriften möglicherweise Zweifel an der waffenrechtlichen Zuverlässigkeit Robert Steinhäusers ergeben hätten. Diese hätten zu einem Widerruf der Erteilung der Waffenbesitzkarte führen können. Bei entsprechenden Nachfragen wäre zudem aufgefallen, dass Robert Steinhäuser auch den (späteren) Kauf der „Pump-Gun“ Mossberg 590 nicht angezeigt hat.

Dass dem Robert Steinhäuser in einem einzigen Verkauf eine (zugelassene) Waffe Mossberg 590 verkauft und ihm zugleich ein ausschließlich für diese Waffe passender Pistolengriff mitverkauft wurde, dessen Nutzung mit der Schrotflinte für einen Sportschützen legal nicht möglich gewesen wäre, erweist sich als fragwürdig.
Nach dem neuen Waffengesetz vom 11.10.2002 ist ein solcher Pistolengriff generell verboten.

Ob und gegebenenfalls wo Robert Steinhäuser nach dem Kauf dieser Waffe (Pump-Gun) noch Schießtraining absolviert hat, ließ sich nicht feststellen. Eine Überprüfung sämtlicher Schießstände in Thüringen hat ergeben, dass er dort mit seiner eigenen Waffe jedenfalls nicht trainiert hat.

b) Schulverweis
In der öffentlichen Diskussion hat die Frage, ob Robert Steinhäuser Anfang Oktober 2001 vom Gutenberg-Gymnasium ausgeschlossen worden ist und ob ein solcher Ausschluss möglicherweise rechtswidrig war, breiten Raum eingenommen. Dahinstehen kann hier die Frage der rechtlichen Einordnung dieser Maßnahme (als Ausschluß nach § 52 Thüringer Schulgesetz oder Verweisung an eine andere Schule nach § 51 Thüringer Schulgesetz): Das für beide Maßnahmen erforderliche Verfahren ist nicht eingehalten worden. Auch materiell-rechtlich hält die Kommission die Maßnahme wegen eines Verstoßes gegen den Verhältnismäßigkeitsgrundssatz für nicht begründet.

Gleichwohl sieht die Kommission in den Maßnahmen des Gutenberg-Gymnasiums vom 4. bzw. 5.10.2001 nicht den allein entscheidenden Auslöser oder Grund für die am 26.04.2002 begangene Tat. Es steht zwar fest, dass ihn diese Maßnahme persönlich schwer getroffen hat. Schon aus der vom BKA und dem Thüringer LKA angefertigten Operativen Fall-Analyse ergibt sich aber, dass monokausale Erklärungsmuster nicht greifen. Danach muss man davon ausgehen, „dass viele Bedingungsfaktoren in ihrem Zusammenwirken, eingebettet in die Gedanken- und Lebenswelt des Robert Steinhäuser in ihrer interaktiven Dynamik im zeitlichen Verlauf zu dem letztlichen Resultat, zu der Massentötung und dem Suizid geführt haben.“

zu 2.
Tatablauf

Die Kommission hat die polizeiliche Rekonstruktion des Tatablaufs einer intensiven Prüfung unterzogen. Hieraus haben sich in kleinen Einzelfragen abweichende Annahmen ergeben. Im weit überwiegenden Teil, insbesondere im Kerngeschehen des Ablaufs, folgt die Kommission jedoch jenem von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft als erwiesen vorausgesetzten Tathandlungsablauf.
Dies gilt ausdrücklich auch für die Annahme, dass Robert Steinhäuser am 26.04.2002 im Gutenberg-Gymnasium allein und ohne jegliche Unterstützung durch eine andere Person gehandelt hat.

Die Tathandlungen im engeren Sinne, insbesondere die Tötungshandlungen, fanden danach in der Zeit zwischen 10.58 Uhr und 11.10 Uhr statt. Sie begannen mit dem Umziehen Robert Steinhäusers in dem WC im Erdgeschoß des Gutenberg-Gymnasiums. Er kleidete sich völlig schwarz, steckte zwei mitgebrachte Ohrenstöpsel in die Ohren, zog eine Sturmmaske mit Augenlöchern über den Kopf, schnallte das Oberschenkelholster an sein rechtes Bein, hängte sich die „Pump-Gun“ an einem Trageriemen über den Rücken, zog Handschuhe an, nahm die Pistole in die Hand und verließ das WC in Richtung auf das Sekretariat, wo er seine ersten beiden Opfer tötete.
Von hier bis zu seinem Einsperren durch den Lehrer Herrn Heise ist der Weg durch das Haus, von Zimmer zu Zimmer, von Stockwerk zu Stockwerk, fast lückenlos rekonstruierbar.
Erst gegen Ende, insbesondere nach seiner letzten Tötungshandlung an dem Polizeibeamten, gibt es Wegstrecken im Haus, auf denen Robert Steinhäuser nicht gesehen wurde - die Flure waren zu dieser Zeit schon weitgehend leer -, und die sich nur durch sein späteres Auftauchen auf einem anderen Flur des Hauses erklären lassen.

a) Ist es zeitlich möglich, innerhalb von 10 Minuten 16 Menschen in allen Teilen dieses großen Gebäudes zu töten?
Dies ist möglich. Die Polizei hat die Zeit-Bewegungs-Abläufe mehrfach rekonstruiert. Das Ergebnis bestätigte jeweils, dass in dem genannten Zeitraum der Weg von Robert Steinhäuser zurückgelegt und auch die entsprechenden Schüsse abgegeben werden konnten.
Die Rekonstruktionen umfassten den Weg vom Sekretariat im Erdgeschoss bis zum Ende in Raum 111 nach dem Dialog mit dem Lehrer Heise. Es wurden entsprechend der ermittelten Zahl der abgegebenen Schüsse gleichartige Bewegungen simuliert und auch die Bewaffnungs- und Bekleidungssituation Steinhäusers nachempfunden. Die Messung der Gesamtzeit hat zu folgenden Ergebnissen geführt: 9.55 Min., (ca.) 10.01 Min und 10.55 Min. Hierbei entfallen jeweils mehr als 2 Min. auf die Zeit nach den letzten tödlichen Schüssen auf den Polizeibeamten und dem Verschließen der Tür zu Raum 111 hinter Robert Steinhäuser

b) Lassen sich die gefundenen Spuren, insbesondere Patronen, Hülsen und Projektile mit den von Robert Steinhäuser abgefeuerten Schüssen in Übereinstimmung bringen?
Ja. Nachweisbar sind 71 Hülsen aus Robert Steinhäusers Tatwaffe Glock 17. Ein weiterer Schuss ist durch sonstige Spuren (ein Einschussloch in einer Klassenzimmertür) nachweisbar, ohne dass die dazugehörige Hülse oder das Projektil hätten gefunden werden können.
Es sind ferner zwei Patronen aus der Glock 17 von Robert Steinhäuser gefunden worden. Wegen der Bestückung der Magazine ist es theoretisch denkbar, dass weitere 3 Schüsse abgefeuert wurden. Allerdings gibt es hierfür keine objektive Spuren wir Hülsen, Projektile oder Beschädigungen.

Fest steht aufgrund des kriminaltechnischen Gutachtens des BKA aber, dass mit einer Ausnahme (Schuss aus der Waffe des Polizeibeamten E.) sämtliche Schüsse aus der Glock 17 Robert Steinhäusers abgefeuert wurden.

c) Gibt es sonst irgendwelche Hinweise auf einen zweiten Täter? Wie werden die darauf hinweisenden Zeugenaussagen behandelt?
Es gibt eine Reihe von Zeugenaussagen, die den Täter anders beschreiben als andere bzw. als Robert Steinhäuser tatsächlich gekleidet und bewaffnet war. Zudem gibt es Aussagen, die neben der Täter- weitere Personenbeschreibungen abgeben und diesen Personen dabei die Eigenschaft eines „zweiten Täters“ zuschreiben, ohne dass dies im Einzelfall immer nachvollziehbar ist.

Die Kommission kommt im Ergebnis der Wertung all jener Aussagen dazu, dass sie sämtlich auf Wahrnehmungsverzerrungen, nachträglichen Gesprächen über (angeblich) Wahrgenommenes und Phantasie der Aussagenden beruhen. Hierzu muss man sich generell bewusst machen, dass die Situation der den Tatablauf Beobachtenden in kaum vorstellbarer Weise stressbeladen war. Die Schüler waren oft Augenzeugen von regelrechten Hinrichtungen ihrer Lehrer; sie mussten sich selbst unmittelbar vom Tod bedroht fühlen. Zudem ist im Nachgang der folgenden Tage jede Einzelheit der eigenen Wahrnehmung im Kreis der Schüler intensiv besprochen worden.
Dass hier im Einzelfall Phantasien – insbesondere der Schüler – wiedergegeben wurden, möge nur ein Beispiel verdeutlichen: Viele Schüler haben beschrieben, der Täter habe bei Betreten des Klassenzimmers oder auf dem Flur in die Luft geschossen. Hier fehlt jeglicher Beleg für auch nur einen einzigen solchen Schuss in die Decke des Schulgebäudes; es gibt keine Spuren in den Decken, es gibt keine entsprechenden Hülsen oder Projektile.

Bei der Frage nach einem möglichen zweiten Täter ist auch zu berücksichtigen, dass die Zahl der dies behauptenden etwa 20 – 30 Schüler und Lehrer im Vergleich zu den insgesamt vorliegenden etwa 700 Aussagen sehr gering ist. Hier ist damit nicht zu fragen: „Warum sollen diese 30 lügen?“, sondern vielmehr: „Warum sollten die anderen Täterbeschreibungen nicht richtig sein?“
Wollte man bei jenen (abweichenden) Aussagen dennoch annehmen, dass sie wahr wären, so bedeutete dies beispielsweise, dass hier in einem sehr engen zeitlichen Rahmen bis zu fünf verschiedene schwarzgekleidete und bewaffnete Personen nacheinander auf dem Schulhof waren. Diese Annahme ist erkennbar abwegig.

Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den einzelnen insoweit abweichenden Zeugenaussagen befindet sich in dem schriftlichen Bericht, auf den hier verwiesen wird.

zu 3.
Todeszeitpunkte und mögliche Überlebenschancen der Opfer


Nach einer Überprüfung und intensiven Gesprächen mit Medizinern sowie der Befragung von direkt Beteiligten ist nach dem Dafürhalten der Kommission bei allen betroffenen Opfern der Tod - mit Ausnahme von H. Lippe - zeitnah zur Verletzungsbeibringung eingetreten. Ausführliche Darlegungen werden in Einzelgesprächen mit den Angehörigen gemacht.

a) Bei Frau Dr. Dettke ergibt sich dies aus dem Ergebnis der Befragungen der beiden Rettungsassistenten, die Frau Dr. Dettke auf dem Hof versorgt haben, sowie den Angaben des Notarztes, der ihren Tod dann durch ein EKG nach ihrer Bergung um 12.38 Uhr festgestellt hat. Nach den letzten Schüssen auf Frau Dr. Dettke, die der Täter aus nächster Nähe abgegeben hat, ist keine weitere Lebensäußerung von ihr wahrgenommen worden. Sie war zunächst bewusstlos und ist dann auf dem Hof verstorben. Ihre Verletzungen waren tödlich.

Die dagegen vorgebrachten Argumente sind überprüft worden. Sie beruhen auf einem Missverständnis des Funkverkehrs. Eindeutig nach der bereits erfolgten Bergung Frau Dr. Dettkes ist ein gepanzertes Sonderfahrzeug angefordert worden, um den noch lebend angetroffenen H. Lippe zu bergen. Dieser Einsatz wurde jedoch versehentlich mit „weiblich, Bauchschuss“ angegeben. Der entsprechende Sonderfahrzeug-Einsatz wurde dann abgebrochen, weil Herr Lippe während der notärztlichen Versorgung im Haus verstorben ist und deshalb eines Transports nicht mehr bedurfte. Diese beiden Funksprüche (1.: verletzte weibliche Person, Bauchschuss, Anforderung Sonderwagen; 2.: Abbruch des Einsatzes, verletzte Person verstorben) wurden vielfach als Beleg dafür angesehen dass Frau Dr. Dettke erst zu diesem, späteren Zeitpunkt verstorben ist. Dies ist – wie dargelegt – unzutreffend.
Eine Überprüfung des vom MDR zur Verfügung gestellten gesamten Archivmaterials hat ebenfalls keinen Beleg für die Behauptung, Frau Dr. Dettke sei noch lebend geborgen worden, erbracht. Mit Echtzeit untertitelte Bänder gibt es in diesem Bereich überdies nicht.

b) Herr Peter Wolff ist noch im Klassenzimmer an seinen schweren Verletzungen gestorben. Die Schätzungen der Kinder, die sich in Todesangst in der hinteren Ecke des Raumes verkrochen hatten, über die Überlebenszeit von H. Wolff sind nicht nur sehr unterschiedlich (von „ca. 1 Std.“ bis „ungefähr eine viertel Stunde“), sondern sehr wenig aussagefähig. Eine Rettungschance bestand aber wegen der Schwere der Verletzungen nicht. Eine detaillierte Begründung wird - wenn sie es wünschen - den Angehörigen gegeben.

c) Die Schüler Ronny Möckel und Susann Hartung sind wegen der Schwere der Verletzungen gleichfalls unmittelbar nach der Schussbeibringung verstorben. Entgegenlautende Zeugenaussagen sind nicht richtig zitiert und im übrigen angesichts der überwältigenden Befunde widerlegt.

d) Der Lehrer Hans Lippe hat bis 12.55 Uhr gelebt. Er ist vom 3. Stockwerk bis zum Treppenabsatz zwischen dem 1. und 2. OG gekrochen und gelaufen und hat dabei intensiv um Hilfe gerufen. Die Kommission sah sich mit diesem Faktum konfrontiert und musste gleichzeitig zur Kenntnis nehmen, dass die in der Sektion dokumentierten Verletzungen von der Rechtsmedizin als so schwerwiegend angesehen wurden, dass sie auch bei früherer Bergung und ärztlicher Versorgung zum Tode geführt hätten. Die Umstände und das Ergebnis der Sektion wurden gründlich überprüft. Nach intensiven mehrstündigen Diskussionen mit vier Rechtsmedizinern und der Heranziehung weiteren externen Wissens ist die Kommission zum Ergebnis gekommen, dass H. Lippe nicht mehr hätte gerettet werden können. Die Kommission hat sich um Erklärungsansätze für das relativ lange Überleben von H. Lippe gemeinsam mit den Medizinern bemüht; es bleibt gleichwohl großes Erstaunen.

e) Die Totenscheine sind damit - bis auf den von H. Lippe - nicht fehlerhaft; durch die jeweilige „ca.“-Angabe ist ein gewisser Spielraum gegeben. Dies ist nicht nur gebräuchlich, sondern entspricht den „Regeln zur Duchführung der Leichenschau“, die von der Leitliniengruppe der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin erarbeitet worden sind. Dort heißt es: „Bei den Angaben zur Todeszeit ist Zurückhaltung geboten, eine zu weitgehende Eingrenzung des Todeszeitintervalls allein anhand der Leichenerscheinungen ist zu vermeiden; bei entsprechenden Eintragungen zur Sterbezeit sind relativierende Zusätze wie „etwa“ oder „ungefähr“ oder die Angabe eines Zeitbereiches zu empfehlen.“

Der Totenschein von H. Lippe weist eine falsche Todeszeit auf. Hier handelt es sich nach Auffassung der Kommission um ein bedauernswertes Missverständnis seitens des den Totenschein ausstellenden Rechtsmediziners; ein solcher ist normalerweise mit der Ausstellung von Totenscheinen nicht befasst. Bis zu dem Zeitpunkt der Eintragung der Zeiten und noch weit darüber hinaus hatte der Rechtsmediziner keine Kenntnis von der Tatsache, dass H. Lippe erst während der notärztlichen Versorgung verstorben war. Gleiches gilt für den Staatsanwalt, mit dem er vorher wegen des Zeitraums (auch von der Tatzeit hatte er keine Kenntnis) Rücksprache nahm; dieser war zwei volle Tage ausschließlich bei Sektionen anwesend und hatte von dem Todeszeitpunkt von H. Lippe keine Kenntnis. Die „Festlegung“ einer Todeszeit gibt es gegenüber einem Arzt ohnehin nicht, da dieser eigenverantwortlich nach bestem Wissen die Eintragungen vorzunehmen hat. Hier sollte nichts vertuscht werden.

zu 4.
Polizeieinsatz

Weiterer zentraler Untersuchungsgegenstand der Kommission war die in der Öffentlichkeit nach den Ereignissen vom 26.04.2002 zunehmend lauter gewordene Kritik am Polizeieinsatz. Die Darstellung von Details des Einsatzes und der diesem zugrundeliegenden Rechtsgrundlagen muss dem schriftlichen Bericht vorbehalten bleiben. Gleichwohl soll der Versuch gemacht werden, die im Zentrum der öffentlichen Diskussion stehenden Fragen in der hier gebotenen Kürze zu beantworten.

a) Hätten die Schutzpolizeibeamten im Haus früher und aktiver agieren können?
Nach Auffassung der Kommission war – insbesondere in Anbetracht der Möglichkeit eines oder mehrerer handlungsfähiger Täter – jedes ungeschützte Agieren der Schutzpolizei im Haus nicht möglich und nicht zumutbar.
Denn: Die ab 11.06 Uhr eintreffenden Schutzpolizeibeamten fanden am 26.04.2002 am Gutenberg-Gymnasium eine zunächst völlig unübersichtliche Situation vor. Ein Beamter habe einen Schusswechsel mit einem schwarz maskierten Täter, ein weiterer Beamter, der ihn unterstützen wollte, sei angeschossen und mindestens schwer verletzt worden. In der Notrufzentrale gingen ständig neue Notrufe mit dramatischen Mitteilungen ein. Die am Gebäude in den folgenden Minuten eintreffenden weiteren Polizisten sicherten die Umgebung und sperrten die Straße ab.
Die Beamten konnten zu diesem Zeitpunkt kein klares Bild der Lage haben. Es war nicht erkennbar, ob es sich um eine Geiselnahme handelte, eine allgemeine Bedrohungslage oder ob eine völlig andere Lagebeurteilung geboten war, z.B. der Täter sich mit den Schüssen auf die Polizeibeamten nach abgeschlossener Tat „nur“ noch der Festnahme entziehen wollte.

Auch an der späteren grundsätzlichen Entscheidung der Polizeiführung, vor weiteren Maßnahmen innerhalb des Schulgebäudes auf das in Kürze zu erwartende Eintreffen der SEK-Kräfte zu warten, gibt es keine Kritik

b) Hätte das SEK früher einsatzbereit sein können?
Die Stärke und Schnelligkeit, mit der Spezialeinsatzkommandos eingesetzt werden können, hängt strukturell von der Zahl der entsprechenden Kräfte ab.
Am 26.04.2002 sind die ersten (sechs) SEK-Kräfte um 11.35 Uhr am Tatort eingetroffen. Um 11.40 Uhr traf der SEK-Leiter mit weiteren Führungs- und technischen Kräften bei der Polizeiführung in der Biereyestraße ein. Weitere Kräfte trafen nach und nach ein und wurden dann bis zu einer Gesamtstärke von 34 Personen eingesetzt.

c) Hätte das SEK anders vorgehen können?
Sicher wären statt der gewählten systematischen Durchsuchung des Gebäudes auch andere Varianten denkbar gewesen.
Die SEK-Kräfte mussten bei ihrem Vorgehen jedoch stets der Möglichkeit Rechnung tragen, dass die Informationen über einen „zweiten Täter“ der Realität entsprechen. Sie mussten zugleich darauf vorbereitet sein, dass der Täter sein Handeln wieder aufnimmt. Die grundsätzliche Entscheidung, das Schulgebäude Raum für Raum und Etage für Etage zu durchsuchen und zu sichern, ist deshalb nicht nur mit den polizeilichen Dienstvorschriften vereinbar, sondern kann nach Auffassung der Kommission bei der gegebenen Informationslage des SEK nicht kritisiert werden.

Es ist ebensowenig zu beanstanden, dass das SEK nicht sofort nach dem Eindringen in das Gebäude die Tür zu Raum 111 geöffnet hat, in dem Robert Steinhäuser eingesperrt war.
Zum einen ist die Ingewahrsamnahme eines Straftäters Aufgabe der Strafverfolgung und gegenüber der Aufgabe der Gefahrenabwehr in derartigen Situationen nachrangig. Zum anderen ging von dem eingesperrten Robert Steinhäuser eine sofort zu beendende Gefahr nicht mehr aus. Durch die Sicherung der mit Maschinenpistolen bewaffneten Schutzpolizisten vor der Tür und die Präzisionsschützen im Außenbereich konnte es für den Täter keine Möglichkeit geben, aus dem Raum zu entkommen.

Auch die Geschwindigkeit des Vordringens der SEK-Kräfte im Gebäude ist häufig gerügt worden. Die Kommission hat versucht, den Einsatz des SEK ab dem Eindringen in das Haus zeitlich nachzuvollziehen. Bestimmte Handlungen bleiben jedoch Zeiträumen zugeordnet, die die Kommission letztlich nicht vollständig zu erklären vermag. Aber bereits aus der Tatsache, dass diese Einsätze so konsequent und häufig trainiert werden, ergibt sich, dass nicht jedes Vordringen optimal verläuft, sondern dass auch verbesserungsfähige Einsätze denkbar sind.

d) Wäre es möglich gewesen, die Notärzte zu einem früheren Zeitpunkt in das Haus zu den Verletzten zu bringen?
Ein Notarzteinsatz ist ausschließlich in gesicherten Bereichen möglich – hier also in den gesicherten Bereichen des Gutenberg-Gymnasiums. Zu Einsatzbeginn gingen die Polizeikräfte zunächst von einem Alleintäter aus, dessen Aufenthaltsort unbekannt ist. Gesicherte Bereiche waren in der Schule noch nicht vorhanden. Da die seinerzeit geltenden polizeilichen Vorschriften den geplanten Zugriff grundsätzlich dem SEK vorbehielten, konnte von den Polizeibeamten ein Eindringen in das Gebäude, um den Wirkungsbereich des Täters einzuschränken und somit gesicherte Bereiche zu schaffen, nicht verlangt werden. Somit war der Einsatz einem Notarzt zu jenem Zeitpunkt nicht zumutbar.

Nachdem gegen 11.20 Uhr die Information weitergegeben wurde, der Täter sei in einem Raum eingesperrt, lagen die o.g. Kriterien für einen Notarzteinsatz (Sicherheit zumindest in Teilen des Gebäudes) vor. Der unmittelbar danach am bislang für sicher gehaltenen Seiteneingang eingetroffenen Notarzt wurde jedoch nicht in die Schule gelassen, weil zwischenzeitlich Hinweise auf einen weiteren Täter eingetroffen waren.
Eine Notärztin ist währenddessen zu den in den abgesicherten Bereichen liegenden Opfern gebracht worden.
Nach Auffassung der Kommission war es im weiteren sachgerecht, den mit Eintreffen der SEK-Kräfte ab 11.35 Uhr bevorstehenden SEK-Einsatz abzuwarten, um gesicherte Bereiche für einen weiteren Notarzteinsatz zu schaffen. Bei seinem Vorgehen hat das SEK eine notärztliche Versorgung ermöglicht, soweit dies ohne Aufgeben der Sicherungstaktik möglich war.

e) Einzelkritikpunkte
aa) Einsatzleiter vor Ort

Es hat sich als nachteilig erwiesen, dass in Thüringen (wie auch in Bayern, aber anders als in vielen anderen Bundesländern) der Polizeiführer bei derartigen Lagen vor Ort und nicht bei seinem Führungsstab eingesetzt wird. Hier besteht immer die Gefahr des Verlusts von Informationen und Zeit.

bb) Kopfloser, chaotischer Einsatz
Der Einsatz verlief keineswegs „kopflos“, wie dies oft behauptet wird, sondern weitgehend strukturiert und planmäßig. Dass es in solchen Lagen zu einer gewissen Hektik auch im Organisationsbereich der Polizei kommen kann, ist so selbstverständlich, dass der Begriff der „chaotischen Lage“ Eingang in die polizeiliche Einsatzlehre gefunden hat.
Die sodann eingeleiteten Maßnahmen waren sicherlich sachgerecht. Sie wären jedoch wirkungsvoller gewesen, wenn sie den Einsatzkräften systematisch über Funk mitgeteilt worden wären.

cc) Mangelhafte Kommunikation
Die Kommunikation zwischen den Einsatzkräften hat in diesem Fall viele Schwachstellen gehabt. Es wäre förderlich gewesen, wenn zumindest die wesentlichen Informationen den Einsatzkräften per Funk mitgeteilt worden wären. Diese Defizite sind sicherlich zum Teil auf unzureichende Kommunikationstechnik zurückzuführen. Auch der Einsatzkanal der Polizei war völlig überlastet.
Die Kommunikation zwischen Polizei und Rettungskräften wies zudem Defizite auf. Hinzu kam, dass im Führungsstab kein gezieltes Sammeln und Auswerten von Notrufen und Hinweisen stattfand. Die Fülle der Informationen überstieg die Grenze des im Führungsstab Leistbaren. Ein „ordentliches“ Arbeiten, insbesondere eine ordentliche Informationssteuerung und –auswertung setzte erst sehr spät ein.

Davon unberührt bleibt die Frage, welche konkreten Auswirkungen ein früheres systematisches Auswerten der eingehenden Informationen gehabt hätte. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der Führungsstab und der Polizeiführer sich allein auf die telefonischen Informationen von Schülern aus dem Haus nicht hätten verlassen dürfen. Hier gibt es zahlreiche Beispiele von Falschinformationen.

Eine Informationsverwertung, die tatsächlich eine Einsatzbeschleunigung bewirkt hätte, ist deshalb nicht ausgeschlossen. Sie hätte aber sicher einen deutlich geringeren Effekt gehabt, als dies gemeinhin angenommen wird. Gleiches gilt für die Problematik fehlender Lagepläne und Gebäudegrundrisse.

f) Mussten die Schüler noch in einem Raum in der Schule zusammengeführt werden und dort so lange warten (Zwischenevakuierung)?
Ja. Dies war vor dem Hintergrund eines sich möglicherweise noch im Gebäude befindenden „zweiten Täters“ mit unbekanntem Schussfeld und Wirkungsbereich notwendig, um jede auch noch so geringe Gefährdung auszuschließen.

zu 5.
Rolle des Lehrers Heise

Lehrer Heise hat Robert Steinhäuser am Tatort in nicht zu beanstandender Weise festgesetzt und damit nicht nur sich selbst aus der ihm akut drohenden Gefahr gebracht, sondern auch die Aktionsmöglichkeiten des Täters, der prinzipiell zu einem weiteren Schusswaffeneinsatz in der Lage war, entscheidend eingeschränkt.
Die Kommission hat keinen Anlass, an den Schilderungen Herrn Heises, dass er auf Robert Steinhäuser gestoßen ist und dass er ihn in Raum 111 eingesperrt hat, zu zweifeln.

zu 6.
Persönlichkeitseinschätzung des Robert Steinhäuser

Ein aus Mitarbeitern der Fachgruppe Operative Fallanalyse (OFA) des BKA und des LKA Thüringen gebildetes Team (OFA-Team) hat mit Datum vom 25.11.2002 einen Abschlußbericht zur Einschätzung der Täterpersönlichkeit Steinhäusers sowie zu den Ursachen der Tat und zu dessen persönlichen Motiven erstellt.
Die Kommission ist – wie das OFA-Team – zu dem Ergebnis gekommen, dass die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Robert Steinhäuser 16 Menschen und anschließend sich selbst tötete, nicht mit einer monokausalen Erklärung zu beantworten ist. Eine Antwort setzt sich vielmehr aus einer Bündelung von Faktoren zusammen.
So ist anzunehmen, dass Robert Steinhäuser im Gymnasium überfordert war und mit dieser Überforderung seitens der Schule und des Elternhauses nicht adäquat im Sinne einer gemeinsamen, konstruktiven Problemlösung umgegangen wurde. Steinhäuser entwickelte sich zu einer Persönlichkeit, die in vielen Bereichen keine bzw. wenige Kompetenzen erworben hatte: Er lernte es zu wenig, Probleme ausreichend wahrzunehmen, sie zu benennen und anzusprechen und andere für deren Lösung um Unterstützung zu bitten, geschweige denn, diese Probleme aus eigener Kraft zu bewältigen. Stattdessen bildete er eine Art kompensatorischen Größenwahn im Sinne einer unrealistischen Selbstüberschätzung aus, der die relativ geringe Ausprägung seines Selbstwertgefühls überspielen sollte.

Zudem konnte Robert Steinhäuser nicht konstruktiv mit Kritik umgehen und aus Fehlern lernen. Er übernahm nicht die Verantwortung für sich und sein Verhalten, sondern schrieb vielmehr die Ursachen seines Versagens anderen zu.
Seit seinem 14. Lebensjahr konsumierte er in überdurchschnittlichem Ausmaß Computerspiele und Videofilme mit zum Teil gewaltverherrlichenden Inhalten: Aus dieser (seiner) virtuellen Welt holte er sich seine Bestätigungen und vermittelte sich so Machtgefühle.
Es ist anzunehmen, dass es bei Robert Steinhäuser zunehmend zu einem Persönlichkeitsverlust bezüglich des Bereichs Schule kam und er seinen Lebensmittelpunkt im Freizeitbereich suchte, wo er nicht von anderen abhängig war und keine Kränkungen erfuhr. Damit einhergehend kapselte er sich auf emotionaler Ebene zunehmend von seinem Elternhaus ab, verstummte und wirkte den Eltern gegenüber verschlossener. Die familiären Verhältnisse trugen dazu bei, dass man sich mit Robert hinsichtlich seiner problematisierten Verhaltensweisen nicht tiefgründig auseinandersetzte. Eine offene Problem- und Konfliktbewältigung fand in der Familie Steinhäuser offensichtlich nicht statt.

Etwa zu jener Zeit entwickelte Steinhäuser ein verstärktes Interesse für Waffen, zielgerichtet strebte er auch die Erteilung einer Waffenbesitzkarte an. Die schulische Situation entwickelte sich immer aussichtsloser. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Versagenssituation im Gegensatz zu dem von ihm nach außen vermittelten großartigen Selbstbild stand.

Offenbar wollte Robert Steinhäuser über einen exzessiven gesellschaftlichen Tabubruch Anerkennung und sogar öffentliche Bedeutung erlangen. Dies rückt auch den Ursachenzusammenhang des Schulverweises ins rechte Licht: Möglicherweise oder sogar wahrscheinlich hätte jede andere massive Ego-Verletzung Steinhäusers in der Schule das gleiche Resultat bewirken können. Die Option hierfür hatte sich Steinhäuser jedenfalls schon vor dem Verweis verschafft, indem er das Erforderliche getan hatte, um in den für eine solche Tat erforderlichen Besitz einer Waffenausrüstung zu kommen.
Der Kommission liegen auch Erkenntnisse vor, dass sich Robert Steinhäuser schon lange vor der Tat intensiv mit dem Thema Amoklauf beschäftigt hat und ihn die Medienwirkung einer solchen Tat elektrisierte. Schon im Zuge der Fernsehberichterstattung über das „Littleton-Massaker“ lagen bei Robert Steinhäuser Anzeichen vor, dass er in seinem Werte-Koordinatensystem Schwierigkeiten hatte, zwischen dem Konsum virtueller Gewaltausübung in Computerspielen und Videos und dem Konsum realer, unter Schusswaffengebrauch realisierter, blutrünstiger Gewaltexzesse eine eindeutige Trennlinie der Begeisterung zu ziehen.