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Kolloquium „Nachhaltigkeit der Waldfunktionen – Wunsch und Wirklichkeit“
Jörg Voßhage, Leiter der Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei
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Am 14. September 2010 hatte die Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei zu einem Kolloquium unter dem Thema „Nachhaltigkeit der Waldfunktionen – Wunsch und Wirklichkeit“ nach Gotha geladen.
Mehr als 150 Teilnehmer konnte der Moderator der Veranstaltung, Jörg Voßhage (Leiter der Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei) begrüßen. Interessant, dass vor allem Privatwaldbesitzer und Vertreter kommunaler Forstbetriebe der Einladung gefolgt waren.
Prof. Dr. habil. Dr. h. c. Horst Kurth
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Herr Prof. Dr. habil. Dr. h. c. Horst Kurth, der in seiner Tharandter Forschungs- und Lehrtätigkeit Generationen von Forstleuten in die Forsteinrichtung (die Mutter der Nachhaltigkeit) eingewiesen hat, führte mit seinem Vortrag „Nachhaltige Waldwirtschaft im Lande von Oettelt, Cotta und König: auch heute?“ in das Thema ein. Da über Nachhaltigkeit nur mit Blick in die Forstgeschichte gesprochen werden kann, nahm Herr Prof. Kurth die Zuhörerschaft zunächst in das 18. Jh. mit.
Am Beispiel der forstlichen Klassiker Oettelt, Cotta und König verwies er darauf, dass die Wiege der Forsteinrichtung gewissermaßen in Thüringen gestanden hat und damit entscheidende Grundlagen für die Nachhaltigkeit in Thüringen entwickelt wurden.
Die Nachhaltigkeit bedarf der Regelung, der Planung also der Forsteinrichtung: Was muss getan werden, um vom IST (Inventur) zum SOLL (Zielwald) zu kommen?
Freilich ist heute der Zielwald zur Gewährleistung aller Waldfunktionen nicht leicht zu beschreiben.
Reichten für die Sicherung der Nachhaltigkeit der Nutzfunktion vier Nachhaltigkeitskriterien aus, hat die Ministerkonferenz zum Schutz der Wälder in Europa inzwischen sechs Nachhaltigkeitskriterien mit 100 Indikatoren aufgestellt. Dessen ungeachtet blickt Herr Prof. Kurth optimistisch in die Zukunft. Immerhin bedurfte es im 18. Jh. auch 40 Jahre bis sich die Idee der Nachhaltigkeit (damals der Holzeträge) auch in der Praxis umgesetzt hatte.
Dass der Begriff der Nachhaltigkeit „aus dem Tann befreit wurde“ und in die Gesellschaft gelangt ist, sollte die Forstleute mit Stolz erfüllen.
Mit Blick auf den Naturschutz plädiert Kurth vehement für das Integrationsprinzip und fordert eine dynamische Denkweise auch beim Naturschutz (was wird bspw. langfristig aus den Altholzinseln?).
Roland Kaiser (Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz)
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Der Abteilungsleiter Forsten und Naturschutz des Thüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz, Herr Prof. Dr. Thöne, ließ sich aus terminlichen Gründen vertreten. Sein Vortrag „Wald und Holz – unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor in Thüringen“ wurde von Herrn Roland Kaiser (Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz) gehalten. 40.000 Arbeitskräfte und 2 Milliarden Euro Jahresumsatz sind eindrucksvolle Zahlen für das Cluster Forst und Holz in Thüringen. Damit ist die Forstwirtschaft der größte Arbeitgeber im ländlichen Raum.
Größere Holzreserven liegen in Thüringen noch im Kleinprivatwald. Im Projekt Privatwaldmobilisierung werden derzeit 3 fm/ha einer Nutzung zugeführt. In diesem Bereich würde die Einstellung von 50 Arbeitskräften bei 2,2 Mio. Euro Personalkosten für den Freistaat Thüringen ein unbereinigtes Steuereinkommen von 33 Mio. Euro bringen. Auch soll jeder zusätzliche Einschlag von 100 fm 1,2 neue Arbeitskräfte bedeuten. Bleibt lediglich offen, warum diese Effekte dem Finanzministerium nicht vermittelbar sind.
Herr Kaiser verwies darüber hinaus auf den forstpolitischen Dialogprozess „Wald im Wandel“, der die Erhaltung und Entwicklung der Wälder in Thüringen unter Beachtung der Nachhaltigkeitskriterien öffentlichkeitswirksam flankieren soll.
Hinsichtlich der Schutz- und Erholungsfunktion des Waldes führte Herr Kaiser aus, dass auch sie den Wirtschaftsfaktor Wald und Holz befördern. Der Nationalpark Hainich mit seinen eindrucksvollen Besucherzahlen und das Projekt „Forsten und Tourismus“ sind hier nur zwei Beispiele.
Sein Resümee „Die größten Nichtsnutze sind die Nichtnutzer“ löste einige Unruhe aus, die Herr Kaiser in der Diskussion aber aufzulösen versuchte: er wollte sich so verstanden wissen, dass die Sicherung aller Waldfunktionen – auch der Naturschutzfunktionen – fürihn eine Form der Waldnutzung (im weiteren Sinne) darstellt.
Jürgen Boddenberg (Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei)
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Herr Jürgen Boddenberg (TLWJF) behandelte in seinem Vortrag die Frage, in wie weit das Prinzip der Nachhaltigkeitskontrolle auch anwendbar auf einzelne Schutzfunktionen sei.
Auch er ging zunächst auf die forstgeschichtliche Entwicklung des Nachhaltigkeitsbegriffes ein, allerdings widmete er sich insbesondere der Frage, ab wann die Idee der Nutzungsnachhaltigkeit mit Aspekten des Naturschutzes verknüpft wurde. So fand er bereits bei Herder eine frühe Brücke:
Mit dem Satz „Selten hat man eine Gewächs- oder Tierart dieses oder jenes Erdstrichs ausgerottet, ohne nicht bald die offenbarsten Nachteile für die Bewohnbarkeit des Ganzen zu erfahren.“ (Ideen zur Geschichte der Philosophie der Menschheit; 1782) liefert Herder als Zeitzeuge der Etablierung des forstlichen Nachhaltigkeitsprinzip den Ansatz zur Erweiterung des Begriffs.
Im Folgenden schilderte Herr Boddenberg, warum bis heute eine echte Kontrolle aller Nachhaltigkeitsaspekte scheitert. Aus seiner Sicht fehlen bisher operationale Zielvorgaben und deren Steuergrößen, ursächlich bedingt durch die häufig zu heterogenen Naturschutzziele.
Auch fehlte bisher eine wirkliche Nachfrage für eine Nachhaltigkeitskontrolle der Schutzfunktion, weil man getreu der veralteten Kielwassertheorie davon ausging, dass in Folge der ordnungsgemäßen Waldbewirtschaftung die anderen Funktionen automatisch gesichert seien.
Für Thüringen ist es dennoch mit der Zusammenlegung der Fachverfahren Forsteinrichtung, Waldbiotopkartierung und – für die Natura 2000 Gebiete – die Fachbeitragserstellung gelungen, einen kleinen Schritt hin zur Nachhaltigkeitskontrolle für einen Teil der Naturschutzfunktion - der Habitatsicherung - zu machen.
Herr Ruprecht von Butler
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„Nachhaltige Waldbewirtschaftung aus Privatwaldsicht“ stellte Herr Ruprecht v. Butler vor.
Aus Sicht eines Familienwaldbesitzes, der 1945 enteignet und 1996 von der BVVG zurück gekauft wurde, verweist er darauf, dass der Wald eine Produktionsstätte ist, deren Risiko er in jeder Hinsicht allein zu tragen hat. Die Vorteile aus der Waldbewirtschaftung kommen in Deutschland aber im Rahmen der Allgemeinwohlverpflichtung allen zugute.
Dessen ungeachtet bekennt sich Herr v. Butler sehr engagiert zum Dreiklang der Waldfunktionen, zur ökonomischen, ökologischen und sozialen Verantwortung bei der Waldbewirtschaftung. Das freie Betretungsrecht hält er für richtig. Das, was man heute Biodiversität und Naturschutz nennt, ist ihm eine von Generation zu Generation überkommene Selbstverständlichkeit, die gut vereinbar ist mit der für den Privatwald wichtigsten Komponente, der Ökonomischen. Mit dem Wissen um eine ungewisse Zukunft setzt er in seinem Betrieb in der Vorderrhön insbesondere auf Mischbestände aus Buche und Douglasie, damit „der Wald auch kommenden Generationen Erträge und Freude bringt.“
Susanne Schwerhoff (Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei)
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Frau Susanne Schwerhoff (Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei) referierte über „Forstliche Umweltbildung – zwischen Kielwasser und Kernaufgabe“.
Aus ihrer Sicht ist die Umweltbildung neben Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion die vierte Waldfunktion, die enorm an Bedeutung gewinnen wird, weil sie die nachfolgenden Generationen befähigen kann, nachhaltige Entwicklung in der Gesellschaft zu gestalten.
Bewusst grenzt Frau Schwerhoff die Umweltbildung von der Waldpädagogik ab: „ich bin kein Pädagoge, ich bin Förster“. Nur wenn wir echt sind, können wir auch überzeugen. Für die Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei sind es gegenwärtig vor allem die Kindergärten und die 1. bis 4. Klassen, denen Umweltbildungsangebote unterbreitet werden. Lernort ist in jedem Fall der Wald, den die Kinder zu Fuß ereichen sollen. „Erlebnis ist der Schlüssel zum Wissen“, Nachhaltigkeit muss erlebbar gemacht werden, damit Nachhaltigkeit auch gelebt werden kann. Die Arbeit in Kleingruppen sichert hierbei individuelles und stressfreies Lernen. Der Förster fungiert lediglich als Impulsgeber.
Andreas Lucas (Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei)
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Auf die Nachhaltigkeit der Erholungsfunktion ging Herr Andreas Lucas (Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei) in seinem Vortrag „Das Konzept Forsten und Tourismus“ ein.
Beim Konzept „Forsten und Tourismus“ handelt es sich um die landesweite Erfassung, Abstimmung und Digitalisierung des Erholungswegesystems in Thüringen, wobei die Landesforstverwaltung vor allem eine moderierende Rolle spielt. Das Konzept zielt auf eine Optimierung der Erholungsfunktion des Waldes, auf einen aktiven Beitrag zur Stärkung des Tourismus im ländlichen Raum, auf den Dialog zwischen Eigentümern und Nutzern und auf Planungssicherheit für die Forstwirtschaft und den Tourismus.
Nach einem ersten Durchgang 2004 wurde das Projekt bis zum 31.12.2008 überarbeitet – jeweils mit öffentlichem Auslegungsverfahren. Ab 2009 wird das Konzept „Forsten und Tourismus“ kontinuierlich in der Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei weiterentwickelt und aktualisiert. Gegenwärtig sind in Thüringen 19.035 km Wanderwege, 6.986 km Radfahrwege, 12.295 km Reitwege, 1.015 km Ski-Wanderwege, und 200 km Wasserwanderwege ausgewiesen.
Ralf-Peter Thomas (Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei)
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Welchen Beitrag die „Forstliche Informationsverarbeitung“ bei der Sicherung der Nachhaltigkeit der Waldfunktionen leisten kann, stellte Herr Ralf-Peter Thomas (Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei) vor.
Unter den heutigen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Bedingungen ist eine nachhaltige Forstwirtschaft ohne eine funktionierende und adäquate Informationstechnik nicht möglich. Vielmehr ist die Informationstechnik ein wesentlicher Teil der Organisationsstruktur und mit den Aufgaben Verfahrensunterstützung, Informationsbereitstellung, Kommunikation und Dokumentation ein wesentlicher Erfolgsfaktor jedes Unternehmens. Informationstechnik ist eine strategische Führungsaufgabe – Informationen sind eine Ressource, die Geld kostet und die man nicht unbegrenzt zur Verfügung stellen kann. Informationstechnik unterstützt nachhaltige Prozesse und muss daher selbst auch nachhaltig betrieben werden.
Dr. Herrmann Bolz (Zentralstelle der Forstverwaltung in Neustadt a. d. Weinstraße, Landesforsten Rheinland-Pfalz)
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Herr Dr. Herrmann Bolz (Zentralstelle der Forstverwaltung in Neustadt a. d. Weinstraße, Landesforsten Rheinland-Pfalz) spannte in seinem Vortrag „Nachhaltigkeit der Waldfunktionen – ein Plädoyer für ein staatsnahes Forstwesen“ noch einmal den Bogen zum Eingangsreferat von Herrn Prof. Kurth.
„Nachhaltige Entwicklung“ ist ein sperriger Begriff – wichtig ist sein Kern. Als Gesinnung bzw. Handlungsmaxime reicht sie viele Generationen in die Zukunft. Forstleute können kompetent erzählen, was Nachhaltigkeit bedeutet und welche Auswirkungen eine Überforderung (Übernutzung) der Wälder hat. Im 19. Jh. waren es staatsnahe Förster, die die devastierten Wälder in Deutschland wieder aufgebaut haben.
Zu beachten ist, dass sich der Wald durch biotische, abiotische, ökonomische und soziale Faktoren in ständigem Wandel befindet. Sorgen bereiten die dem Wald gegenüber Gleichgültigen (nach einer aktuellen Studie z. Z. 18 %). Diese Gruppe dürfte anwachsen. Zunehmend virtuelle Welten stellen deshalb die Umweltbildung vor neue Herausforderungen.
Nachhaltige Waldentwicklung darf nicht losgelöst von der nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft gedacht werden.
Der Wald ist eine gigantische Quelle nachwachsender Rohstoffe, ein Naturraum großer Naturnähe und Biodiversität. Der Wald wird zunehmend aber auch genutzt als Psychotop für Menschen, die in naturfernen Wohn- und Arbeitswelten leben.
Es ist offen, welcher Akzent (Nutzung, Naturschutz, Psychotop) demnächst aktiviert wird.
Forstleute können und sollen in dem oft einseitig gesteuerten gesellschaftlichen und marktwirtschaftlichen Kräftespiel eine ganzheitliche, forstfachliche Perspektive der Waldbewirtschaftung sichern und damit dafür sorgen, dass wichtige Leistungen der Wälder für die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft nicht gefährdet werden. Zur multifunktionalen Forstwirtschaft gibt es keine Alternative.