Inhalt
Festrede
Zentrale Veranstaltung des Freistaats zur Interkulturellen Woche 2011
Thüringer Ausländerbeauftragte Petra Heß: „Integration von Migrantinnen und Migranten bereichert das Aufnahmeland“
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, dass Sie so zahlreich zu unserer Zentralen Veranstaltung der Interkulturellen Woche 2011 in Thüringen erschienen sind, welche in diesem Jahr unter dem Motto „ Zusammenhalten – Zukunft gewinnen“ steht.
Mit besonderer Herzlichkeit begrüße ich Herrn Oberbürgermeister Andreas Bausewein – vielen Dank für die Gastfreundschaft, die wir in Ihrem Rathaus und diesem wunderschönen Festsaal genießen dürfen. Ich begrüße die Mitveranstalter Herrn Prof. Dr. Michael Haspel (Direktor der Evangelischen Akademie), Herrn Hubertus Staudacher (GF des Katholischen Forums) und Frau Tuche mit ihrem Team (Ausländerbeauftragte der Stadt Erfurt). Ich begrüße weiterhin die Landtagsabgeordneten Frau Kanis (SPD) und Herrn Blechschmidt (Die Linke) sowie die Stadträte von SPD, Linke und CDU. Eigentlich hätten es alle verdient, namentlich begrüßt zu werden, aber das sprengt den zeitlichen Rahmen. Fühlen Sie sich alle als ganz besondere Gäste auf’s herzlichste Willkommen.
Die Interkulturelle Woche ist seit 1975 eine Initiative der Ökumene. Sie wird von den Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden, Kommunen, Ausländerbeiräten und Integrationsbeauftragten, Migrantenorganisationen und Initiativgruppen unterstützt und mitgetragen.
An der Interkulturellen Woche beteiligen sich zahlreiche Gemeinden, Vereine, Vertreter von Kommunen und Einzelpersonen in mehr als 400 Städten, Landkreisen und Gemeinden mit rund 4.000 Veranstaltungen.
Eine nicht unerhebliche Zahl von Veranstaltungen findet davon allein in Thüringen statt.
Nach dieser Woche hat man den Eindruck die meisten der bundesweiten Veranstaltungen finden in Thüringen statt.
Organisiert von den Beauftragten und Vereinen – bunt, fröhlich, mitunter nachdenklich, spannend.
Genau die Veranstaltungen sind es, die damit auch in diesem Jahr tatkräftig das Anliegen der bundesweiten Initiative unterstützen und mit Inhalten füllen, um dem Grundanliegen dieser Initiative in seiner Bedeutung und Aktualität Nachdruck zu verleihen und zu zeigen, wie dieses Anliegen gelebt werden kann.
Die Aktionsformen sind sehr vielfältig.
Sie reichen von Lesungen, Musik-, Film-, Theater- und Tanzveranstaltungen, Diskussionen, Workshops, Seminaren, Sportveranstaltungen, Festen sowie Tagen der Offenen Türe bei Religionsgemeinschaften, Institutionen, Unterkünften und Schulen bis hin zu Gottesdiensten, Friedensgebeten und Andachten.
Kurzum – sie dienen dem „Zusammenhalt“.
Die jährlich stattfindende „Interkulturelle Woche“ thematisiert die Situation von Migrantinnen/Migranten und Flüchtlingen, macht aufmerksam, sensibilisiert und informiert und zeigt ebenso den Bedarf für bessere, geeignete politische und rechtliche Rahmenbedingungen auf.
Gleichzeitig wird durch die Begegnungen und Kontakte das gegenseitige Verständnis zwischen einheimischen Thüringerinnen und Thüringern auf der einen und Migranten und Flüchtlingen auf der anderen Seite gefördert, was erfolgreich zu einem Abbau von Vorurteilen beitragen kann.
Zuwanderung und Migration haben für Thüringen, so wie auch andere neue Bundesländer, im Rahmen der Wiedervereinigung an Bedeutung gewonnen und spürbare Veränderungen durch neue Zuwanderungsgruppen in unser Bundesland gebracht.
Während wir früher weitgehend über „Ausländer“ sprachen, haben verschiedene Dimensionen und Hintergründe die Begriffsverwendung weiterentwickelt und verändert.
Heute sprechen wir von „Migration“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“, was verschiedene Migrationsformen, -Motive und -Folgen berücksichtigt und so zum komplexeren Verständnis von Lebenslagen und Lebensperspektiven der Migrantinnen und Migranten beiträgt.
Vielleicht noch ein paar Zahlen:
Ca. 6,4 % aller Thüringer oder deren Eltern haben einen Migrationshintergrund, wobei sie derzeit noch das historische Erbe aus der DDR - Zeit widerspiegeln mit überwiegend Vietnamesen und Einwanderern aus der russischen Förderation und der Ukraine.
Insgesamt kommen Thüringer Migranten aus etwa 155 verschiedenen Staaten mit weiteren Herkunftsländern wie Türkei, Polen, China, Ungarn, Aserbaidschan, Italien Kasachstan usw.
Der Ausländeranteil betrug im vergangenen Jahr ca. 2,17 %, was einen verhältnismäßig niedrigen Prozentsatz darstellt.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Interkulturelle Woche, das heißt Miteinander und Austausch, das heißt Gemeinsamkeit oder dem diesjährigen Motto gemäß:
"Zusammenhalten – und Zukunft gewinnen in Gemeinsamkeit!"
"Interkulturell" – das funktioniert nicht im stillen Kämmerlein, der Begriff muss mit Leben gefüllt werden!
Genau das versuche ich auch in meiner kleinen Rede, indem ich sie nämlich nicht alleine, sondern gemeinsam mit einem Spitzensportler mit Migrationshintergrund.
Es handelt sich um einen jungen Mann, der seit mehreren Jahren in Deutschland lebt und dessen Perspektiven durch sein Leben in Deutschland bereichert worden sind.
Ich will nicht verhehlen, dass ich heute - auch als Vizepräsidentin der Deutschen Olympischen Gesellschaft - stolz darauf bin, einen ebenso erfolgreichen wie vorbildlichen Sportler hier bei uns zu haben: Begrüßen Sie mit mir den Gewichtheber im Superschwergewicht:
Almir Velagic!
Lieber Almir Velagic: Herzlich willkommen.
Vielleicht hören wir von Ihnen selbst ein paar kurze Worte zu ihrer Herkunft und ihrem Werdegang der vergangenen Jahre.
Almir: Ich danke für die freundliche Begrüßung!
Ich bin deutscher Sportsoldat und Gewichtheber.
Geboren wurde ich am 22.08.1981 in Livno, Bosnien-Herzegowina, Jugoslawien. Als ich 11 Jahre alt war, verließ meine Mutter mit ihren vier Kindern die vom Bürgerkrieg heimgesuchte Heimat und zog zu ihrem Mann, der bereits in Kaufbeuren arbeitete.
Ich begann dann auch 1992 mit dem Gewichtheben beim AC Kaufbeuren.
Bis 2004 trat ich im Schwergewicht bis 105 kg an. Danach wechselte ich ins Superschwergewicht über 105 kg.
Ich erreichte bei der WM 2005 Platz 11, 2006 Platz 8 und 2007 Platz 12. Bei der EM 2007 wurde ich 6. 2005, 2006 und 2007 war ich Deutscher Meister im Superschwergewicht über 105 kg.
Durch meine Leistungen beim Adria-Alpen-Cup 2008 qualifizierte ich mich für Olympia 2008 in Peking, wo ich mit 413 kg (188 kg Reißen und 225 kg Stoßen) den achten Platz belegte und eine persönliche Bestleistung aufstellte.
Bei der EM 2009 in Bukarest gelang mir erneut eine persönliche Bestleistung mit 190 kg und ich holte die Bronzemedaille im Reißen, Bronze im Stoßen mit 228 kg und Silber im Zweikampf mit 418 kg.
Bei der EM 2010 in Minsk wurde ich mit 425 kg im Zweikampf dann 3.
Ich bin Sportsoldat in der Sportförderkompanie der Bundeswehr in Bruchsal. Vielen Dank, Herr Velagic!
Ein eindrucksvoller Lebenslauf, wie ich finde!
Sehr geehrte Damen und Herren,
erfolgreiche Migranten werden kaum wahrgenommen / auch die Begrifflichkeit „Migrant“ wird oft negativ empfunden – auch von den Migranten selbst.
Erfolgreiche Migranten werden, außer beim Fußball, eben kaum wahrgenommen.
Almir Velagivc, Sie sind hier mit Sicherheit, neben den Fußballern, eine Ausnahme, wozu sicher auch Ihre überragenden Erfolge beigetragen haben.
Erlauben Sie mir noch ein paar Fragen:
Wie war es zum Beispiel für Sie, als elfjähriger Junge aus der vom Bürgerkrieg heimgesuchten Heimat nach Deutschland zu kommen?
Almir:Mein Vater war bereits in Deutschland.
Meine Mutter und meine Geschwister sind aus Sicherheitsgründen aus unserer Heimat in Bosnien später nach Deutschland ausgereist.
Wir wollten nur ein paar Wochen bleiben, bis sich die Situation beruhigt hat, daraus wurden nun mehr als 20 Jahre.
Ich hatte anfangs keine Bindung in Deutschland weil ich die Sprache nicht gesprochen habe und der Rest der Familie in meiner Heimat war. Wie würden Sie ihre Integration in die deutsche Gesellschaft beschreiben?
Almir:Im Mai bin ich nach Deutschland gekommen und im September bin ich in eine deutsche Schule gegangen.
Kinder sind hier gnadenlos.
Die Sprachschwierigkeiten habe ich persönlich als Dummheit empfunden, deswegen habe ich mich zurückgezogen.
Der einzige Anlaufpunkt war nach einer Weile der Verein AC Kaufbeuren, der mich aufgenommen hatte und mir ein Gefühl von Zugehörigkeit gegeben hatte. Hier wurden die Vereinskameraden zu Freunden.Also war es wichtig für Sie, dass sie eine Anlaufstelle hatten, um soziale Zugehörigkeit und Akzeptanz für sie und ihre Lebenssituation in dem neuen Lebensumfeld Deutschland in einer neuen Kultur zu erfahren.
Dies würdigt die Arbeit von Beratungsstellen der Trägerverbände (Arbeiterwohlfahrt, Diakonie, Caritas usw.), welche Dienste der Migrationsberatung leisten, die sich an Erwachsene (Migrationsberatung) und Jugendliche (Jugendmigrationsdienste) richten und den wechselseitigen Integrationsprozess fördert.
Zu erwähnen sind insbesondere auch die auf kommunaler und regionaler Ebene arbeitenden Initiativen, Vereine und Gruppen, die vielfältige und innovative Angebote in Bereichen wie Kultur, Sport, Gesundheit, Sprache, Bildung anbieten.
Ganz herzlichen Dank an dieser Stelle für diese Arbeit, die auch hier in Thüringen geleistet wird!
Ich habe ihr schon immer die größte Anerkennung gezollt!
Kommen wir zurück zu ihren Erfahrungen, lieber Almir Velagic: Was trieb Sie an, trotz der anfänglichen Probleme mit der deutschen Sprache in der Schule stetig zu lernen und einen möglichst guten Abschluss zu erreichen?
Almir:Mit Abstand die sprachliche Barriere, wenn man sich nicht ausdrücken kann, laufen die Gespräche an einem vorbei.
Das bedeutet, man möchte sich beteiligen, weiß aber nicht wie und deshalb zieht man sich zurück.
Ich war immer selbstbewusst, aber lächerlich wollte ich mich auch nicht machen.
Ein weiteres Problem war die Schule, wie sollte ich zum Beispiel Englisch lernen, wenn ich die deutsche Sprache nicht verstehe?
Hier fehlte die Motivation, auch vor dem Hintergrund, dass ich lange Zeit die Hoffnung hatte, wir kehren zurück in meine Heimat.
Auch von meinen Eltern fehlte der nötige Schub.Trotzdem haben Sie diese Phase sehr erfolgreich bewältigt, was ihr Lebenslauf zeigt.
Nun berichten Sie uns doch bitte noch, wie sie ein solch erfolgreicher Sportler wurden: Wie kamen Sie in die Sportfördergruppe der Bundeswehr und wie sehen Sie diesen Schritt in ihrem Leben?
Almir:Ich habe nach meiner Ausbildung zum KFZ Mechaniker sehr guten Kontakt zum damaligen Landestrainer Manfred Nerlinger gehabt.
Er hatte mich als Talent dem Bundesverband Deutscher Gewichtheber für einen Platz in der Sportfördergruppe Bruchsal vorgeschlagen.
Knapp unterhalb der Norm, bekam ich einen Platz und konnte somit optimal trainieren.
Die Bundeswehrsportförderung ermöglicht mir professionell zu trainieren. In unserer Sportart, wo die Sponsoren „nicht Schlange stehen“ ist es sehr schwer Bedingungen zu schaffen die bis zu 11 Trainingseinheiten pro Woche möglich machen.
Ich bin froh, dass ich über die Bundeswehr die Chance bekommen habe, meine Leistung auf ein optimales Resultat zu steigern, dass zeigt die erfolgreiche Olympiateilnahme 2008 und hoffentlich auch 2012 in London.
Dort werde ich mich für meine neue Heimat ins Zeug legen – da können Sie sich sicher sein. Das ist beachtlich und ich gratuliere zu dieser Entwicklung und ihren sportlichen Erfolgen!
Herr Velagic hat bestehende Hürden geschafft, ist mit Herausforderungen gut umgegangen und hat daraus auch seine Motivation für die eigene Entwicklung gezogen.
Schweifen wir mit dem Blick wieder auf die allgemeine Situation hier im Land: In Thüringen bewegen sich - wie bereit erwähnt - Migration und Einwanderung quantitativ noch auf einem sehr niedrigen Niveau.
Der Anteil der zugewiesenen Zuwanderer übersteigt den Anteil derer, die Thüringen aus eigener rationaler Entscheidung für eine Niederlassung gewählt haben.
Eine Erhebung in 2010 hat ergeben, dass der Integrationsprozess von Zuwanderern in Thüringen überwiegend als gelungen betrachtet wird und sich Migranten und Migrantinnen als „angekommen“ bezeichnen.
Trotz alledem bestehen noch Herausforderungen im Hinblick auf die Akzeptanz durch die ansässige Bevölkerung, Möglichkeiten in zentralen Bereichen des bürgerlichen Lebens zu partizipieren und einfach das Merkmal „Migrationshintergrund“ im täglichen Leben hinter sich zu lassen.
Die Möglichkeiten, beruflich höhere Abschlüsse bzw. Positionen zu erreichen, liegen im bundesdeutschen Trend und sind damit eher schwach entwickelt.
Daneben gibt es eine Reihe anderer Tendenzen, welche angesprochen werden müssen und an denen Politik und Gesellschaft noch zu arbeiten haben:
·wiederkehrendes Phänomen von Alltagsrassismus und Diskriminierungen
·derzeit noch unterentwickelte unternehmerische Aktivitäten ausländischer Unternehmen in Thüringen – und da wo es sie gibt werden sie zu wenig in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt
·verbesserungsfähige interkulturelle Kommunikationsfähigkeiten von Mitarbeitern in Behörden und öffentlichen Diensten (z.B. durch spezifische Schulungen)
Die erklärte und gestaltete Willkommenskultur in Thüringen ist noch nicht auf einem Niveau, um einen Anreiz für potentielle Zuwanderer zu schaffen, nach Thüringen zu immigrieren.
Diese Überlegung sollte vor dem Hintergrund geschehen, dass Zuwanderer den Bevölkerungsschwund und die Überalterung Thüringens ausgleichen könnten.
Wird die Öffentlichkeit diesbezüglich nicht ausreichend sensibilisiert, kann es weiterhin dazu führen, dass die wenigen Migranten und Flüchtlinge in Thüringen in andere Bundesländer abwandern.
Warum? Weil sie dort für sich bessere Chancen im Beruf und eine bessere Entwicklung für ihre Familie sehen.
Obwohl es bereits eine Reihe von Hilfs- und Beratungsstrukturen zur Unterstützung von Migrantinnen und Migranten gibt, so sind diese jedoch noch nicht ausreichend.
Die Ausdifferenzierung der unterschiedlichen Angebote ist noch nicht so weit, dass die vielfältigen existierenden Problemlagen und Bedürfnisse von Migrantinnen und Migranten getroffen werden können.
Hier sind existierende Beratungsdienste, Einrichtungen, Institutionen und Funktionen sinnvoll und im Sinne einer klaren und effizienten Aufgaben- und Zuständigkeitsverteilung zu vernetzen.
Es gilt ein für Migrantinnen- und Migranten tragfähiges Gesamtsystem zu entwickeln, was auch die Gruppenbildung und Vergemeinschaftung teilweise herkunftsnahe soziale und kulturelle Modelle wie z.B. Religionsgemeinschaften, Landsmannschaften, kultureller Vereine usw. ermöglicht, vorausgesetzt sie sind anerkannt und entsprechen zwingend rechtsstaatlichen Kriterien, wie wir sie in Deutschland vertreten.
Diese Art von ‚Selbstorganisation’ sollte nicht als Migrantenselbstorganisation im restriktiven isolierten Sinne formuliert und verstanden werden. Diese Möglichkeiten und Modelle vermitteln nicht „Selbsthilfe“ der Migranten sondern vielmehr die Gestaltung gleichberechtigter Teilhabe.
Wir sollten Migranten nicht nur als Migranten, sondern sie zunehmend als Teil der Gesellschaft sehen, denn sie sind genau wie wir: Senioren, Unternehmer, Jugendliche, Kunstliebhaber, Sportler, usw.
Wenn uns dieser veränderte Blick gelingt, dann sind sie nicht ‚nur’ in Migrantenorganisationen anzutreffen, sondern in Parlamenten, Frauenräten, Ortsvereinen und Verbänden.
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass Einbürgerung zurzeit auch in Thüringen immer noch die Grundlage für Partizipation und Akzeptanz ist.
Dies bringt noch ein weiteres Thema auf, nämlich den Unterschied zwischen deutschem Bürger und Deutschen. Wir müssen wegkommen von der herkömmlichen Definition des Deutschen. Wir müssen ethnische, politische und rechtliche Aspekte dabei berücksichtigen und formulieren, um eine gemeinsame Identität, wer und was ein Deutscher ist… deutlich zu machen.
Diese Debatte hat übrigens noch nicht einmal angefangen - aber das Thema der Interkulturellen Woche ist dabei ein wegweisendes Motto: "Zusammenhalten – Zukunft gewinnen", an welchem wir uns bei allen Bestrebungen und Bemühungen auf den verschiedenen Seiten ‚langhangeln’ müssen und welches erfolgreiche Integration verspricht.
Integration ist ein Prozess, der Aufgeschlossenheit der aufnehmenden Gesellschaft sowie auch der Menschen mit Migrationshintergrund erfordert.
Integration ist dann gelungen, wenn Einwanderer und ihre Kinder z.B. an gemeinschaftlichen Gütern und Aktivitäten teilhaben, ihnen der Arbeits- und Wohnungsmarkt zugänglich sind und sie auch chancengleichen Zugang zu Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen haben.
An dieser Stelle vielleicht noch einmal zu Ihnen, lieber Almir: Was können Sie nun aus Ihrer Erfahrung jungen Migranten mit „auf den Weg geben“, was diese unbedingt tun sollten, um bestmöglich in die deutsche Gesellschaft integriert zu werden?
Natürlich auch: Was würden Sie der deutschen Gesellschaft für Tipps geben, besser mit jungen Migranten umzugehen, damit diese es leichter haben, sich zu integrieren?
Almir:Die Sprache lernen, ist die wichtigste Voraussetzung. Des Weiteren sind Sportvereine eine optimale Integration. Wo wäre ich gelandet, wenn ich nicht beim AC Kaufbeuren, das Gewichtheben erlernt hätte?
Die Gefahr falsche Freunde kennen zu lernen ist groß. Trotzdem sollten die Wurzeln innerhalb der Familie erhalten bleiben.
Migranten wollen in dieser Gesellschaft dazugehören und trotzdem sie selbst bleiben. Das ist bei den Bayern, den Thüringern, den Pfälzern oder Mecklenburgern nicht anders.Ich finde, Sie haben mit ihren letzten Worten den Nagel auf den Kopf getroffen:
Noch immer wird Integration gedacht als Verschwinden und nicht als Akzeptanz von Unterschieden.
Nur wenn die Unterschiede eine Akzeptanz finden, dann kann ich auch meine „ Wurzeln“ mit freiem Kopf hegen und pflegen.
Und nur dann werde ich auch fest hier verwurzelt sein.
Ich bin davon überzeugt, dass Integration, Austausch und gegenseitige Befruchtung der Kulturen nur dann gelingen können, wenn sie einhergehen mit Einstellungsveränderungen gegenüber Zuwanderern innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft: wenn eine Bereitschaft besteht, unbekannte Lebensformen nicht gleich aufgrund ihrer Fremdheit abzulehnen, wenn Menschen nicht nach ihrer Herkunft eingeschätzt werden, sondern wegen ihrer Persönlichkeit und ihrer Fähigkeiten…
Lieber Almir Velagic, ich danke für Ihre offenen und aufschlussreichen Ausführungen. Erlauben Sie nur die Frage: Wenn man den Lebenslauf von erfolgreichen Menschen liest, dann bekommt man hin und wieder Komplexe, denn man gewinnt den Eindruck, als sei hier immer alles nahtlos ineinander übergegangen, als habe ein Erfolg nur darauf warten müssen, vom anderen abgelöst zu werden.
Vielleicht haben Sie noch eine kleine Anekdote aus ihrer Zeit in Deutschland, die möglicherweise gerade im Hinblick auf das Thema Integration zeigt, dass auch bei Ihnen nicht immer alles nur glatt gelaufen ist?
Almir: Ja, vielleicht aus meiner Kindheit:
Ich hatte mich mit meinen Freunden verabredet.
Als meine Freunde mich zuhause abholen wollten dachte ich, dass wir zum Baden fahren – so hatte ich es verstanden - mit den bekannten Sprach- und Verständnisschwierigkeiten.
Ich packte meine Badesachen zusammen und stand unvermittelt erstmals im Kraftraum des AC Kaufbeuren.
Dort gab’s keine Schwimmhalle oder einen Baggersee und ich durfte die 1.Trainingseinheit mit Badesachen absolvieren.
Manchmal findet man eben auch durch Irritationen sein sportliches Glück. Aber komisch war es schon – im Kraftraum mit Badehose!Ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch, lieber Almir Velagic, welches ich selbst als Bereicherung der Festrede erfahren habe.
Dabei möchte ich betonen, dass es neben dem eingangs erwähnten interkulturellen Gedanken auch einen ganz konkreten Grund für diese Form der gemeinsamen Darbietung gab: Herr Velagic hatte es mir nämlich nicht ganz zugetraut, eine komplette Festrede zu halten – es ist nämlich heute meine Premiere bei einer zentralen Veranstaltung.
Darum dachte ich dann, ihn einfach mit einzubeziehen…ein Experiment sozusagen, wobei auch er sich einbringen konnte.
Ich hoffe es ist gelungen.
Nehmen wir es symbolisch für unser Zusammenleben: Austausch ist Bereicherung! Und: Zusammenhalten – Zukunft gewinnen!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Das christliche Welt- und Menschenbild widerspricht allen Theorien, die unversöhnliche Gegensätze zwischen den Kulturen konstruieren. Es bildet ein Fundament, das es »allen Menschen guten Willens« ermöglicht, untereinander zusammenzuhalten und so eine Zukunft in Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität zu gewinnen.
Insbesondere verbietet es jegliche Einteilung der Menschheit in Gruppen oder Rassen, denen unterschiedliche und kaum veränderliche Eigenschaften zugesprochen werden.
Eine solche Aufspaltung rüttelt am Fundament unserer Gesellschaft.
Letztlich richtet sie sich gegen die Würde des Menschen.
Genau vor diesem Hintergrund musste das Motto der Interkulturellen Woche im Jahr 2011 lauten: "Zusammenhalten - Zukunft gewinnen". Meiner Ansicht nach hätte es in diesem Jahr keine passendere Überschrift geben können!
„Ich denke, Thüringen kann ein Land sein, in das es sich lohnt einzuwandern“. Das Zitat stammt von einer Mitarbeiterin des Thüringischen Flüchtlingsrates und beschreibt eine Vision für das Bundesland Thüringen, das aufgeschlossen und reizvoll für neue Bürger erscheint und in dem Barrieren für Migration und Integration keine zentrale Rolle mehr spielen.
Thüringen bietet Einheimischen wie Zuwanderern eine Fülle von sozialen, kulturellen oder beruflichen Optionen.
Viele haben die Gastfreundschaft unserer Bevölkerung schon erfahren, andere beklagen ein Klima des Misstrauens oder der Ablehnung.
Der Integrationsprozess bedarf der Mitwirkung und der Bereitschaft aller Mitglieder der Gesellschaft, einen respekt- und würdevollen Umgang miteinander zu pflegen.
Er verändert gleichsam alle, die an diesem Prozess beteiligt sind, beeinflusst die vorhandenen kulturellen Muster, die sich als dynamisch und wandelbar erweisen und trägt dazu bei, neue kulturelle Ressourcen zu begründen.
Laut einer Studie fühlen sich Migranten und Deutsche gleich wohl in Deutschland – das ist gut so, warum also immer auf das Trennende abheben?
Ich darf den Anlass nutzen und an Sie, an uns alle zu appellieren: Überwinden wir das Trennende, überschreiten wir Barrieren, gehen wir aufeinander zu!
"Der Mensch zählt" – diesem Motto fühlte ich mich schon immer verpflichtet und ich füge hinzu: "Nur der Mensch zählt!"
Erlauben Sie mir, dass ich am Schluss den verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau zitiere, der in einer Rede 2003, gehalten beim Forum "Migration und Integration" des Ökumenischen Kirchentages, sagte:
"Meine tägliche Erfahrung ist, es gibt Angst und es gibt Träumereien und es gibt gelingendes Zusammenleben, aber gelingendes Zusammenleben gibt es nur, wenn wir uns gegenseitig nichts vormachen.
Wenn wir erkennen lassen, dass wir die vor uns liegenden und uns begleitenden Probleme lösen wollen. "
Ende des Zitats.
Getreu dem Motto der Interkulturellen Woche füge ich hinzu: Damit wir die von Johannes Rau erwähnten Probleme auch lösen können, ist es notwendig, dass wir zusammenhalten -
Almir:zusammenhalten, um gemeinsam Zukunft zu gewinnen! Das wünschen IhnenPetra Heß und
Almir Velagic