Freistaat Thüringen Freistaat Thüringen - Ausländerbeauftragte der Thüringer Landesregierung

Inhalt

Begrüßung

Zentrale Veranstaltung des Landes Thüringen zur Woche der ausländischen Mitbürger / Interkulturelle Woche

25. September 2010, Bad Salzungen

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen zur Zentralen Veranstaltung des Landes Thüringen zur Interkulturellen Woche! Ich habe nachgezählt. Es ist das 18. Mal, dass das Amt des Ausländerbeauftragten in Kooperation mit der Evangelischen Akademie und dem Katholischen Forum anlässlich der Interkulturellen Woche zu einer Festveranstaltung einlädt. Die Kooperation mit den konfessionellen Akademien soll uns daran erinnern, dass die Interkulturelle Woche – ursprünglich „Woche der ausländischen Mitbürger“ – ihren Ausgangspunkt genommen hat in den Kirchen der alten Bundesrepublik. Inzwischen ist sie längst in ganz unterschiedlichen Kreisen der Gesellschaft angekommen. Und das ist das Beste, was so einer Initiative passieren kann.

So heiße ich Sie nicht nur im eigenen Namen willkommen, sondern auch im Namen des Leiters des Katholischen Forums, Herrn Hubertus Staudacher, und des leider verhinderten Direktors der Thüringer Evangelischen Akademie, Herrn Dr. Michael Haspel.

Ich freue mich, Ihnen die Persönlichkeiten vorstellen zu dürfen, die heute Vormittag zu uns sprechen werden. Und da begrüße ich zunächst den Thüringer Innenminister, Herrn Prof. Peter Michael Huber.

Ich heiße willkommen Herrn Landrat Reinhard Krebs. Bereits jetzt möchte ich mich öffentlich für die Hilfe bedanken, die die Veranstalter bei der Vorbereitung des heutigen Tages vom Landratsamt des Wartburgkreises erhalten haben. Und, Herr Landrat, gestatten Sie mir neben Ihrer persönlichen Aufgeschlossenheit den Einsatz Ihrer Pressereferentin Frau Katrin Volk und der Ausländerbeauftragten des Wartburgkreises Frau Monika Hirschberg ausdrücklich zu würdigen.

Als den zwar nicht institutionalisierten Migrantenvertreter, aber als eine engagierte Persönlichkeit begrüße ich Herrn Faton Cizmolli aus Gerstungen. Ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft, uns an Ihrer persönlicher Erfahrung des Lebens in Deutschland teilhaben zu lassen.

Den weitesten Weg nach Bad Salzungen dürfte der Referent des Fachvortrages zurückgelegt haben. Ich begrüße den Direktor des Bonn International Center for Conversion, Herrn Peter Croll. Seien Sie herzlich willkommen in Thüringen, herzlich willkommen in Bad Salzungen! Wir erwarten Ihre Ausführungen mit Spannung, wir lassen die Spannung aber noch ein bisschen anhalten.

(Der Ausländerbeauftragte begrüßt einige Persönlichkeiten des Öffentlichen Lebens unter den Gästen und fährt dann fort):

Sie alle, meine Damen und Herren, mögen Sie als Repräsentanten der Kirchen, der Schulen, der Parteien, verschiedener Vereinigungen oder einfach als interessierte Bürger hier sein, - seien Sie herzlich begrüßt! Und ich bin vorlaut genug, um zu sagen, dass mir das schlichte Interesse am heute zur Rede stehenden Thema das liebste aller Anwesenheitsmotive ist. Ich setze es bei Ihnen allen voraus und Sie alle haben gut daran getan, diesem Interesse nachzugeben.

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich in unser Thema einführen mit einer These, die Sie vielleicht verwundern wird. Wir alle sind Migranten. Oder noch schärfer: Wir alle sind heimatlos.

Wer uns das klarzumachen versucht, ist kein anderer als der Begründer der modernen Psychoanalyse. Siegmund Freud führt in seinem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ die berühmt gewordenen drei Kränkungen an, die dem modernen Menschen zugefügt worden seien und ihn gewissermaßen heimatlos gemacht hätten.

Die erste Kränkung kam von Nikolaus Kopernikus. Er überwand das mittelalterliche Weltbild, das die Erde - und mit ihr den Menschen - im Zentrum des Universums sah. Er kegelte Erde und Mensch heraus aus der Mitte, um die sich alles dreht. Dass die Gesellschaft zu Beginn der Neuzeit die damit verbundenen Veränderungen im Lebensgefühl nicht so ohne weiteres hat hinnehmen wollen, lässt sich verstehen. Wer will schon gern an den Rand gedrängt werden, wenn er sich im Mittelpunkt wähnt? Heute wissen wir, dass wir mit unserer Erde gewissermaßen auf weniger als einem Staubkorn leben in einem letztendlich undurchdringlichen, expandierenden Universum. Die Erde ist in astronomischer Hinsicht einigermaßen belanglos. Wenn man sich das klarmacht, kann einen durchaus das Gefühl von Heimatlosigkeit beschleichen – Grundlage für nicht wenige Science Fiction Geschichten und Filme.

Die zweite Kränkung kam durch Charles Darwin. Darwin zeigte auf, dass der Mensch in naturwissenschaftlicher Perspektive (also einer Perspektive, die nach dem „Wie?“ der Evolution fragt, nicht nach dem „Warum?“) nichts anderes sei als das Zufallsprodukt von Mutation und Selektion - zufällig aus dem Tierreich hervorgegangen; eine Zumutung für jeden, der sich bis dahin als Krone der Schöpfung verstanden hatte. Friedrich Engels setzte noch eins drauf und definierte den Menschen im 19. jahrhundert als „Werkzeug benutzendes und produzierendes Tier“. Auch nicht gerade schmeichelhaft!

Und die dritte Kränkung erfolgt durch Siegmund Freud selber. In der Psychoanalyse stellt Freud in Frage, ob wir in unserem Bewusstsein, auf das wir so stolz sind, überhaupt Herr im eigenen Hause sind. Ob wir über uns selbst verfügen, ob unser Denken und Handeln tatsächlich unserer personalen Freiheit entspringt oder doch nur gesteuert wird von den Trieben und Gefühlen des Unbewussten einerseits und dem gesellschaftlich bedingten Über-Ich, der Summe aller Regeln und Konventionen, andererseits.

Der Mensch ein Migrant. Randständig saust er auf seinem Planeten durchs Weltall, des Lebenssinnes beraubt durch die Zufälligkeit und Ziellosigkeit seiner eigenen Evolution, unbeheimatet und fremdbestimmt im eigenen Ich.

Wer sich diese allgemeingültige, unausweichliche, gewissermaßen existentielle Heimatlosigkeit klarmacht, entwickelt vielleicht ein Gespür für die nun noch besondere, spezielle Heimatlosigkeit von Immigranten und Asylsuchenden.

Nun braucht man nicht Mitglied eines Vertriebenenverbandes zu sein, um zu wissen, dass wir eine Heimat brauchen. Beheimatung und Verwurzelung gehören wie Ansehen und Zuwendung, wie Besitz und Freiheit zu den Urwünschen eines jeden. Wir brauchen einen Ort, an dem unser Dasein unangefochten und selbstverständlich ist. Einen Ort, an dem wir unsere Anwesenheit nicht begründen müssen.

Die den Migranten oft gestellte Frage: „Wo kommen Sie her?“ kann freundliches Interesse signalisieren. Sie kann aber auch Begründungsdruck erzeugen. Ich muss erklären, warum ich hier bin. Und womöglich nachweisen, ob ich zu Recht hier bin. Und wenn ich Glück habe, wird mir erklärt, dass ich eine Bereicherung sei. Für wen, bitte? Bereicherung für die Gesellschaft – das ist ungefähr so charmant, wie wenn ein Mann zu seiner Frau oder Freundin sagt: „Du bist meine Dekoration“. Ich vermute, das sagt er allenfalls einmal. Jedenfalls rate ich niemandem zum Selbstexperiment. Migranten hingegen hören so was öfter. Nicht selten in der Interkulturellen Woche.

Wie lösen wir das Dilemma zwischen der Sehnsucht nach Heimat einerseits und der existentiellen Unbehaustheit andererseits? Und wie lösen wir das Dilemma zwischen den unhinterfragten Ansprüchen der Alteingesessenen, die es nicht gern haben, wenn sich für sie etwas ändert, und dem Anspruch auf Heimat für diejenigen, bei denen sich mit ihrer Auswanderung (aus welchen Gründen auch immer) nahezu alles ändert: Die Sprache, die Freundschaften, das Klima, das Essen, die Rechtskultur usw.?

Mir fällt als Lösung nur ein: Indem wir einander zur Heimat werden. Zugegeben, das klingt etwas „moralin“. Ja, ethische Forderungen mögen manchmal wohlfeil sein, verzichtbar sind sie nicht. Sie sind die Grundlage der Politik. Dieses „füreinander Heimat werden“ müssen wir institutionalisieren. Und genau das: die „Institutionalisierung des Für-einander-Heimat-Werdens“ nenne ich Integrationspolitik. „Heimat ist dort, wo ich Verantwortung übernehmen kann“, habe ich schon des Öfteren gesagt, um auf die soziale Komponente des Heimatbegriffs aufmerksam zu machen.

Integrationspolitik bedeutet für mich, zu institutionalisieren, dass ich mein Dasein nicht begründen muss, dass man mir zutraut, mich herausfordert und gegebenenfalls mich dabei stärkt, nicht nur meine eigenen Belange zu erledigen, sondern mich auch für die der Gesellschaft einzusetzen.

Nun könnte man von diesem Ansatz her alle denkbaren Integrationsbemühungen und Integrationsfelder durchbuchstabieren. Darauf wird vielleicht in weiteren Redebeiträgen eingegangen. Im Fachreferat, um das wir Herrn Croll gebeten haben, soll ein spezieller Aspekt beleuchtet werden. Es soll um die Frage gehen, welche Rolle Migrantenverbände im Prozess der Integration spielen können und spielen sollten.

Migrantenvereine sind in Thüringen noch wenig entwickelt, aber es gibt sie. Am vergangenen Sonntag hatte ich die Freude, am Herbstfest des Erfurter Vietnam Vereins teilzunehmen. Es war typisch vietnamesisches Fest für Familien, in dessen Mittelpunkt die Kinder standen. Die Kinder, das ist bereits die dritte Generation der Eingewanderten; Nachkommen der ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter. Und ich bin begeistert, wie es der vietnamesischen Community, die 1990 wahrlich keine guten Ausgangsbedingungen für eine Integration hatte, gelingt, ihr Vietnamesisch-Sein kulturell zu pflegen und gleichzeitig einen hohen Einsatz zu leisten für ein gelingendes Leben in Deutschland, insbesondere für die nächste Generation.

Meine Damen und Herren,

bitte lassen Sie mich zum Schluss drei Sätze in eigener Sache sagen. Es hat sich herum gesprochen und auch in der Zeitung gestanden: Ich werde mit Ablauf des Septembers aus dem Amt des Ausländerbeauftragten ausscheiden. Als meine Nachfolgerin ist die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Heß vorgesehen.

Was fällt mir ein, wenn ich auf mehr als 18 Jahre Dienst in diesem Amt zurückschaue? Mir fällt ein, dass ich ja auch ein Hörer von mdr-figaro bin. Dort hört man gelegentlich vor der Vermeldung der Kulturnachrichten die Stimme einer offenbar nicht mehr ganz jungen Frau, die mit unverwechselbarem Sound sagt: „Man muss sich einreden, dass es schön war, was man erlebt hat“. Und dem habe ich gar nichts hinzuzufügen.

Und nun bitten wir noch einmal das „Trio Fado“ …