Freistaat Thüringen Freistaat Thüringen - Ausländerbeauftragte der Thüringer Landesregierung

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Grußwort

Feierstunde anlässlich des ein und einhalbjährigen Bestehens des Stadtteilprojektes „gemeinsam leben – gemeinsam gestalten“

am 5. Mai 2010 in Mühlhausen

Meine Damen und Herren,

Eine bekannte Maxime lautet: Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Warum also nicht auch einmal das ein und einhalbjährige Bestehen eines sozialen Projektes? Das Kind, das damals, am 1. November 2008, hier in Mühlhausen aus der Taufe gehoben wurde, ist zwar fast noch ein Säugling. Aber was schadet das? Sind diese doch besonders liebenswert und freudig anzuschauen. Und im Säuglingsstatus verharren soziale Projekte (leider) häufig ziemlich lange. Werden sie doch gewöhnlich genährt von der Mutterbrust des Vater Staates, der überall dort gefragt ist, wo das Zusammenleben nicht mehr von allein gelingen will. Das Baby als Problemindikator? Stolze Eltern sehen das anders. Müssen es anders sehen. Sie bewundern jeden Entwicklungsschritt ihres Sprösslings mit liebendem Interesse: den ersten Schritt, den ersten Zahn, das erste Wort („Papa“ natürlich, Mama kann warten). Als stolze Eltern kann man schließlich nicht auf den 25. lauern, um das erste Jubiläum zu feiern.

Als Eltern unseres Babys gelten die Diakonie und die Caritas hier in Mühlhausen. Das Signal, das davon ausgeht, ist tröstlich: Vor Ort klappt die Ökumene in altbewährter Weise. Als hilfreicher Onkel oder beherzte Tante (ja keine politische Inkorrektheit angesichts von gender mainstreaming!) steht der Traditionsverein der Spätaussiedler Raduga e. V. den Eltern zur Seite. Und dann gibt es noch die Paten, die den Säugling von Zeit zu Zeit begutachten: die Stadtverwaltung, die Polizeiinspektion, die Wohnungsvermieter der ehemaligen DDR-Neubausiedlungen, in denen sich das Projekt abspielt. Und schließlich die entfernteren Verwandten, die sich in der Netzwerkrunde treffen und auch schon mal mäkeln oder problematisieren. Wie mir vorab versichert wurde, sind aber allesamt davon überzeugt, dass der Sprössling gedeiht. Falls das bedeuten soll, dass wir es hier mit einem Frühentwickler zu tun haben, der in den nächsten ein und einhalb Jahren von staatlicher Nahrungszufuhr entwöhnt werden will, demnächst in die Pubertät kommt, sich alsbald von seinen Eltern löst und schließlich das dringende Bedürfnis entwickelt, auf eigenen Beinen zu stehen, will ich das gern den zuständigen Haushaltsstellen mitteilen…

Meine Damen und Herren,

in der technischen und durchökonomisierten Zivilisation, in der wir nun einmal leben, gilt das Gesetz der Quantifizierung. Fortschritt ist die allseits akzeptierte Ersatzreligion und Fortschritt muss sich messen lassen. Und sie bemisst sich an der Produktivität. Dabei wird alles, so lehren uns die Kulturanalytiker, dem Prinzip der Funktionalität unterworfen. Das wäre unschädlich, solange es nicht die Person des Menschen beträfe. Genau das aber tut es. Die moderne, komplexe, arbeitsteilige, hoch ausdifferenzierte Gesellschaft ist nur bedingt am Menschen interessiert. Im Produktionsprozess ist er ein Störfaktor, ein Sicherheitsrisiko. Er hat die Eigenschaft, krank zu werden, oder müde. Er verursacht das berühmte menschliche Versagen. Wer etwas herzustellen hat, ist bestrebt, den Menschen überflüssig zu machen. Nicht der Mensch als Person interessiert, lediglich an einigen seiner
Funktionen besteht Interesse. Als erstes an der Kaufkraft. Du sparst, wenn du kaufst, suggerieren allwöchentlich die bunten Werbeprospekte im Briefkasten. Und - du bist, was du dir leistest. Bitter, wer da nicht mithalten kann!

Erst mit Abstand folgt die Nachfrage nach einer weiteren Funktion des Menschen, der Arbeitskraft. Doch gerade die haben viele Menschen internalisiert und definieren sich über ihren Beruf. Wenn man sie fragen würde, was sie sind, kann man in den meisten Fällen mit einer Berufsbezeichnung als Antwort rechnen. Ich bin Maurer, sagt der konkrete Einzelne. Würde man allgemeiner fragen: „Was ist der Mensch?“ hieße die Antwort: Ein homo faber, ein fabrizierendes Wesen, ein Macher, ein Werktätiger. Wie tief muss die Frustration derer sitzen, für die es beruflich nichts zu tun gibt. Wer die Antwort „arbeitslos“ geben muss, kann in der Leistungsgesellschaft kaum mit Anerkennung rechnen. Und Arbeitslos sein heißt, nicht so recht gebraucht zu werden, nicht gefragt zu sein, unbestätigt zu bleiben, eigene Begabungen nicht darstellen zu können, Fähigkeiten verkümmern zu lassen, nicht dazu zu gehören. Da schleichen sich – wenn auch oft uneingestanden – Depressionen in den Brustkorb, Wut in den Alltag, Resignation ins eigene Leben. Das kann Hartz IV nicht verhindern. Da wird die große Sehnsucht - nach Leben und Erfüllung und einem Ziel und bleibender Bedeutung - betäubt durch die kleinen Süchte: Alkohol, Drogen, Medienkonsum, Gewaltbereitschaft. ... Dass Süchte nur überwunden werden können, wenn sie in die große Sehnsucht zurückverwandelt werden, ist nicht nur eine Erkenntnis moderner Spiritualität, sondern erklärt auch das häufige Misslingen von Entzugsprojekten, die nur „abgewöhnen“ anzubieten haben.

Das drängt uns zu tieferen Fragen. Der Renaissance-Philosoph Pico della Mirandola (1463 – 1494) hat zur Veranschaulichung seiner Lehre vom Menschen, seiner humanistischen Anthropologie, einen fiktiven Dialog verfasst. Er findet sich in der sog. „Rede über die Würde des Menschen“. Angesiedelt ist er – halten Sie sich fest! - im Paradies und er spielt sich ab zwischen keinem geringeren als dem Schöpfergott selbst und Adam, nachdem er mit Eva vom Baum der Erkenntnis gekostet und sie unverzüglich ihr wirkliches Wesen, ihre Nacktheit, ihr Entfremdetsein erkannt haben. Da ruft Gott: Adam, also den Menschen, den „Erdling“, mit der Frage „Wo bist du?“. Und dann lässt Pico della Mirandola Gott zu Adam, dem Prototyp des Menschen, sinngemäß sagen: Ich habe dir keinen bestimmten Wohnsitz zugewiesen, du kannst dir deinen Ort selber suchen. Ich habe dir auch keine bestimmte Gestalt auferlegt, du kannst dir deine Gestalt selber wählen. Du kannst dich als dein eigener Bildner und Dichter selbst in die Form bringen, in der du leben willst. Und der Kontext legt nahe: Du kannst dich zur Höhe des Göttlichen erheben, oder dich ins Untermenschliche fallen lassen. Mit anderen Worten: Der Mensch ist nicht festgelegt wie Pflanzen und Tiere. Er ist frei. Und er ist nicht fertig. Er ist ein Täter seiner Selbstwerdung. Darin besteht seine Würde. Er soll sich und die Welt erkunden, sich dann entscheiden und seinen Ort in ihr finden. Wo bist du? Er ist der eigene Gestalter seiner Existenz. Wo stehe ich? Sein Dasein ist Aufgabe. Wo ist die meine? Eine spannende Sache. Allerdings, auch ein Job mit Risiko. Man kann sich selbst, man kann den Sinn seines Daseins und das wirkliche Leben auch verfehlen.

Meine Damen und Herren, Sie spüren längst, was diese Geschichte mit Ihrem Projekt „gemeinsam leben – gemeinsam gestalten“ zu tun hat.

Nur dem Anschein nach geht es in Ihrem Projektalltag um etwas ganz anderes. Sie betreiben Straßensozialarbeit in einem Wohngebiet, das man als einen sozialen Brennpunkt bezeichnet. Sie wenden sich Menschen zu, die meist arbeitslos sind und von staatlicher Unterstützung leben müssen. Unter ihnen Migranten, die noch nicht in dem Sinne integriert sind, dass sie sich bereits hier wohlfühlen und ihre Angelegenheiten komplett selbständig regeln könnten. Sie kämpfen mit denen, die sich ausgegrenzt fühlen, gegen Resignation, Frustration und Eskapismus. Sie helfen mit Informationen weiter und unterstützen die auf öffentliche Hilfe Angewiesenen, Schneisen durch den Bürokratiedschungel zu schlagen. Sie werden mit Konflikten, Ängsten und Sorgen konfrontiert und setzen sich damit auseinander. Sie schaffen Räume, in denen Kommunikation gepflegt wird. Sie organisieren Begegnungen und feiern Feste. Sie laden die Kinder ein zum Singen, Spielen und Musizieren.

Nur dem Anschein nach hat das alles nichts mit der Anthropologie jenes Renaissance-Philosophen mit dem klangvollen italienischen Namen zu tun. Wenn Sie Ihr Projekt richtig betreiben, dann sind Sie – anders als Wirtschaft und Medien - nicht an einer Funktion des Menschen, sondern am Menschen selbst interessiert. Dann lassen Sie sich - bei aller
professionellen Distanz - von Mensch zu Mensch auf den anderen ein: auf seine Sorgen, Nöte, Hoffnungen, Ängste, Süchte und Sehnsüchte, auf seine Fragen, Verrücktheiten und Begabungen. Dann sind Sie an seiner Person um seiner Person willen interessiert. Dann handeln Sie partnerschaftlich. Dann helfen Sie den Bedrängten und Zukurzgekommenen, die inneren Kräfte zu mobilisieren, die sie aufatmen und weiterleben lassen und die verhindern, sich - gemäß Pico della Mirandola - ins Untermenschliche fallen zu lassen.

Jene materiell und kulturell Zukurzgekommenen und Unterbeschäftigten spüren oft noch etwas anderes als ihre unmittelbare Armut. Sie sind es, denen sich die Frage nach dem Sinn ihres Lebens besonders aufdrängt. Und der Sinnlosigkeitsverdacht nagt auch dann an ihnen, wenn sie das gar nicht, was oft der Fall ist, expressis verbis artikulieren können.

Die Frage nach dem Sinn des Ganzen, die sich vor allem denen stellt, die kein Land sehen, lässt sich aber nicht theoretisch beantworten. Sie verlangt eine solche Antwort nicht. Sie ist aus anderem Holz geschnitzt. „Der Sinn ist sterblich“, sagt der französische Soziologe und Theoretiker des postmodernen Bewusstseins Jean Baudrillard (1929 – 2007), und meint damit, dass jede rationale, verbale Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Daseins und des persönlich Erlebten einen schalen Geschmack hinterlässt, unbefriedigend bleibt, höchstens zeitweise gilt, irgendwie verpufft und schließlich abgetan wird.

Aber damit ist die Sache nicht erledigt. Mit der Sinnfrage verhält es sich anders. Wo mir jemand zuhört, wo meine Sorge wichtig und ernst genommen, meine Kreativität herausgefordert wird, wo man aufatmen kann, wo menschliche Beziehungen gelingen, wo Hoffnung aufleuchtet, wo Freude das Terrain erobert, da stellt sich eigentümlicherweise die Sinnfrage nicht mehr, zumindest verliert sie ihre Schärfe, sie verblasst, sie löst sich auf – vorläufig zumindest. Die Frage nach dem Sinn stellt sich nicht den Verliebten, nicht dem Glücklichen. (Es gibt Leute, die behaupten, dass es der Himmel sei, wo sich die Sinnfrage endgültig auflöst. Warten wir es ab!)

Otto Schily – und da sind wir wieder auf der Erde – hat einmal, als er noch Bundesinnenminister war, verlautbart: Wer Musikschulen schließt, fördert Extremismus und Gewalt. Ich bin überzeugt, dass er, ein alter Bildungsbürger, damit die humanisierende Kraft des Zweckfreien, des in sich Sinnvollen, des Kreativen, des nicht Funktionalisierten, des Festes zum Ausdruck bringen wollte.

So gesehen, ist Ihr Projekt eine (in Anführungszeichen) „Musikschule“, eine Sinnstiftungsagentur. Sie fördern in Ihrem Engagement – vielleicht ohne es zu wissen – Lebenssinn und somit eine Ressource, die oft knapper ist als Erdöl und Devisen.