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Grußwort
Eröffnung der Ausstellung „Als Arbeitskraft willkommen.
Vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR“ im Erfurter Rathaus
14. April 2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst herzlichen Dank an die Veranstalter dafür, dass Sie mich eingeladen haben, an-lässlich der Eröffnung der Ausstellung über die Geschichte der vietnamesischen DDR-Vertragsarbeiter ein paar Ausführungen zu machen! Als „Festvortrag“ wie es
im Programm steht, möchte ich meinen Beitrag nicht qualifizieren. Das klingt ein bisschen hochgestochen. Lassen wir es bei einigen persönlichen Eindrücken und Erinnerungen aus der Zeit vor und unmittelbar nach 1990!
Ich bin froh, dass es diese Ausstellung gibt. Und so zielt mein eigentlicher Dank auf das Faktum der Ausstellung selbst. Es ist nicht nur hoch erfreulich, sondern geradezu politisch notwendig, die Ausstellung im zwanzigsten Jahr der Wiedervereinigung Deutschlands hier in der Landeshauptstadt Erfurt zu zeigen.
Die ehemaligen Vertragsarbeiter und ihre Kinder sind eingeladen, die Ausstellung als eine
späte Würdigung ihrer zumeist wahrlich nicht leichten Lebensgeschichte zu lesen. Die Ak-teure von damals dürfen gewissermaßen noch einmal in den Spiegel schauen und sich, wenn auch nicht persönlich, so doch ideell wiedererkennen. Und für gesellschaftspolitisch aufgeschlossene Thüringer, insbesondere für die jüngeren Leute, stellt die Ausstellung eine notwendige Ergänzung ihrer politischen Bildung hinsichtlich unserer jüngsten Geschichte dar. Entsprechendes Geschichtsbewusstsein ist nach meinem Eindruck eher zu wenig als zu viel verbreitet. Wer was auf sich hält, sollte sich auf die Ausstellung einlassen – kritische Auseinandersetzung inklusive.
Der Titel der Ausstellung sagt bereits das Wesentliche: „Als Arbeitskraft willkommen“.
Arbeitskraft! Der unausgesprochene Nachsatz darf ergänzt werden: Als Mensch, als Träger von Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten, als Bürger und homo politicus eher nicht gefragt, eher ein Störfaktor im allzu geordneten System des DDR-Sozialismus.
Die Vietnamesen galten allerdings als diszipliniert. Mit dem Temperament bzw. der Men-talität kubanischer und algerischer „Arbeitskräfte“ hatte die DDR-Obrigkeit bereits vor der Ära der Vietnamesen ihre Schwierigkeiten gehabt. Ausländische Arbeiter aus diesen Län-dern hatten nur kurze Zeit in der DDR eine Rolle gespielt.
DDR-Nostalgie ist auch in Sachen Ausländerpolitik und in Sachen Umgang mit Fremden hinreichend unangebracht.
Doch nun: Preisfrage für die Fernsehshow „Wer wird Millionär?“: Wie viele
Fahrradgeschäfte hat Erfurt? Zehn? Zwanzig? Dreißig, wenn wir Baumärkte und größere
Lebensmitteldiscounter mitzählen, die auch Fahrräder verkaufen?
Mittwoch früh um sechs vor dem einzigen Fahrradgeschäft in Erfurt. Sie haben sich nicht verhört: der einzige Fahrradladen in Erfurt und früh um sechs. Der Laden öffnet um acht. Wir schreiben das Jahr 1988. Es hat sich herumgesprochen: Mittwochs kommt Ware. Vor dem Laden hat sich eine Schlange von zwanzig, fünfundzwanzig Personen gebildet. Unter den ersten zehn befinden sich fünf, sechs Vietnamesen. „Die haben schon vor der Tür ü-bernachtet“, wird kolportiert. Wie viele Fahrräder diesmal geliefert werden – ein paar Her-renräder, ein paar Damenräder, ein paar Kinderräder – ist ungewiss; dass die letzten in der Warteschlange noch eins bekommen allerdings eher unwahrscheinlich.
Ich verbürge mich nicht für den Mittwoch, ich verbürge mich nicht unbedingt für die ge-naue Zahl der Wartenden (sie wechselte von Mal zu Mal). Aber ich verbürge mich für die Tatsache der stets viel zu knappen Konsumgüter in der DDR und für die Seelenlage derer, die nach dem Schlangestehen leer ausgingen. Was, wenn dann noch das letzte Fahrrad ausgerechnet von einem Vietnamesen buchstäblich „erstanden“ worden war...!
In der Kaufhalle im Neubaugebiet (die Begriffe „Plattenbau“ und „Supermarkt“ waren nicht gebräuchlich), ging anfangs der Reis aus, nachdem man nebenan ein Wohnheim für viet-namesische Arbeiter eingerichtet hatte. Man hatte vergessen, ein größeres Kontingent an Reis anzumelden. Segnungen der sozialistischen Planwirtschaft!
Ich glaube, Sie alle, meine Damen und Herren, haben wenn nicht Erfahrung dann doch Phantasie genug, um sich das gesellschaftliche Klima insbesondere das zwischen Einhei-mischen und Ausländern vorzustellen, das in solcher Lage gedeiht - niedergehalten nur durch den allgegenwärtigen Autoritarismus des DDR-Systems, das nicht zulassen will, es könne sein, was nicht sein darf: Ressentiment gegen Fremde.
Die ideologische Decke der Solidarität unter den sozialistischen Bruderländern war dünn und löchrig. Als sie 1990 vollends verschwand, traten weiß Gott nicht immer Sachlichkeit, Humanität und Fairness im Umgang miteinander an ihre Stelle. Waren in der DDR das knappe Warenangebot und die aufgezwungene provinzialistische Enge Quellen latenter Ausländerfeindlichkeit, traten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die weltan-schauliche Orientierungslosigkeit nicht weniger Leute, die an die sozialistische Tünche geglaubt hatten, an ihre Stelle. Das Übrige taten die sozialen Verwerfungen, die mit dem Umbau der Gesellschaft nach 1990 einhergingen. Der Zusammenbruch der maroden Be-triebe, Verluste von Beruf und Arbeitsplatz (von denen freilich die Ausländer als erste be-troffen waren), Entwertung der eigenen Qualifikation, bis zu 25 % Arbeitslosigkeit in man-chen Gegenden Ostdeutschlands – das alles blieb nicht ohne Wirkung. Die Wut von Mo-dernisierungsverlierern entlud sich u. a. in Rassismus und Neonationalismus.
Und mittendrin die ausländischen Vertragsarbeiter, die die friedliche Revolution von 1989 anfangs wie Zuschauer wahrnahmen und doch geahnt haben dürften, dass der Herbst 1989 auch für ihr Leben tiefgreifende Veränderungen nach sich ziehen muss. Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe für alsbald rüstige Vertragsarbeiter-Rentner, einmal darzustellen, was im Herbst 1989 in ihren Kreisen diskutiert wurde.
Vorerst arbeiteten die Vietnamesen in der DDR in den gleichen sog. volkseigenen Betrie-ben (VEB) wie die Einheimischen, bekamen ihren Lohn, zahlten Steuern und Sozialabga-ben.
Alles ganz normal? Eher nicht.
Von dem Lohn wurde ein bestimmter Prozentsatz einbehalten und das Äquivalent an Viet-nam überwiesen. Die Unterbringung erfolgte in mehr oder weniger abgeschotteten Wohn-heimen auf engstem Raum (5 qm pro Person waren vorgesehen. Einem Asylbewerber von heute stehen immerhin 6 qm zu. Na, bitte!).
Der Aufenthalt der „vietnamesischen Werktätigen“ war auf fünf Jahre begrenzt. Familien durften nicht einreisen. Frauen, die schwanger wurden, wurden vor die Wahl gestellt, eine Abtreibung vornehmen zu lassen oder nach Vietnam zurückzukehren. Eingesetzt wurden die Vietnamesen meist auf Arbeitsplätzen, die DDR-Bürger nur noch ungern wahrnahmen (Schichtdienst). Keine Rede von einer freien Wahl des Arbeitsplatzes. Vietnamesische Gruppenleiter sorgten als staatliche Funktionäre für Ruhe und Ordnung und den reibungs-losen Ablauf des Arbeitseinsatzes. Kontakte zur DDR-Bevölkerung konnte man nicht direkt verbieten. Gefördert wurden sie auf keinen Fall. Schon das kontrollierte Leben in der Grup-pe und die Sprachbarriere erschwerten Kontakte zu den Einheimischen.
Das alles war geregelt in Regierungsabkommen zwischen der DDR und der SRV. Freilich, auch die Vietnamesen lebten von der Lücke des Systems. Die rigiden Vorschriften der Re-gierungsverträge wurden nicht in jedem Betrieb hundertprozentig durchgesetzt. So haben es einige Betriebe gegen Ende der 1980er Jahre in Einzelfällen doch zugelassen, dass viet-namesische Arbeiterinnen Kinder zur Welt brachten und hier bleiben durften.
Ach, ja! Wozu brauchten Vietnamesen überhaupt Fahrräder? Um vom Wohnheim zum Arbeitsplatz zu gelangen eher nicht. Das DDR-Geld war nicht konvertierbar. Wer seine Fa-milie in Vietnam unterstützen wollte, musste Konsumgüter kaufen und in die Heimat transferieren. Was und wie viel man heimschicken durfte – auch das war streng geregelt. Wohnheimbetreuer hatten Listen zu führen und die Zollerklärungen für die Pakete auszu-füllen. Ein Fahrrad gehörte immerhin dazu. Es wurde in Einzelteile zerlegt, in Stoff einge-näht und per Container auf die Reise geschickt. Der Rest war Hoffnung.
1988 hatte ich meinen Job als Ingenieur für Wasserwirtschaft – vorübergehend, wie ich damals glaubte – aufgegeben und mich gemeldet, Deutschunterricht für „ausländische Werktätige“ zu übernehmen. Ich hatte keine Lust mehr, im Ingenieurbüro die Zeit totzu-schlagen und vielfach für den Papierkorb zu arbeiten. Und da ich mich in Rechtschreibung und Grammatik ziemlich sicher fühlte (jedenfalls bis zur Rechtschreibreform) und als e-hemaliger Theologiestudent auch eine kleine Ausbildung in Sprecherziehung absolviert hatte (bedeutsam für die phonetischen Übungen), habe ich mir den Job zugetraut.
Vor ihrem Einsatz in der Produktion sollten die Vietnamesen eine Einführung in die deut-sche Sprache und etwas Landeskunde vermittelt bekommen. Vorgesehen waren dafür drei Monate. Von vielen Betrieben wurden die Sprachkurse allerdings auf wenige Wochen redu-ziert. „Nur rasch in die Produktion! Wir sind an eurer Arbeitskraft interessiert, nicht an eu-rer Bildung“, lautete die unausgesprochene Devise.
Die deutsche Sprache sollte dann nach der Arbeit am Abend weiter erlernt werden. Allzu viel kam dann nicht mehr dabei heraus. Nur wenige Betriebe sahen ein, dass es auch für den Arbeitsprozess günstiger ist, wenn sich die Vietnamesen mit den Deutschen verstän-digen können.
Ich habe seinerzeit nie richtig herausgefunden, ob die Vietnamesen freiwillig, unfreiwillig oder sozialistisch-halbfreiwillig zur Arbeit in die DDR gekommen waren, oder ob sie den Einsatz sogar als ein Privileg empfunden haben. Wenn aber einige Frauen unvermittelt im Unterricht anfingen zu weinen, wusste ich, wo sie mit ihren Gedanken waren. Ich kannte die Fotos ihrer oft noch sehr kleinen Kinder, die sie in Vietnam hatten zurücklassen müs-sen – für voraussichtlich fünf Jahre.
Von einer Gruppe hatte ich den Eindruck, sie sei als eine schon in Vietnam bestehende Betriebsbrigade komplett in die DDR abkommandiert worden.
Eine andere Gruppe Vietnamesen war von Kambodscha abgezogen und unmittelbar zur Arbeit in die DDR „weitergeleitet“ worden. Sie bedeuteten mir, sie seien Polizisten gewe-sen.
Zur Erinnerung: Kambodscha war in die Hände der kommunistischen Roten Khmer gefal-len, die unter Pol Pot ein Schreckensregime errichteten. Anfangs wurden die Roten Khmer vom Ostblock durchaus unterstützt. Jahre später allerdings waren selbst dem sozialisti-schen Lager die Massenmorde unter Pol Pot etwas zu viel an Kommunismus, und Vietnam fiel die Aufgabe zu, in Kambodscha einzumarschieren und es von der Pol Pot Herrschaft zu befreien.
Bei den vietnamesischen „Polizisten“ dürfte es sich wohl eher um Militärangehörige ge-handelt haben. Genau habe ich es nicht erfahren. Eine der „Polizistinnen“ stellte sich dann immerhin als studierte Pharmazeutin heraus. Sie war ausgesprochen sprachbegabt, ver-richtete aber die gleichen einfachen Arbeiten wie die anderen. Ihr Sprachkurs dauerte sechs Wochen.
Eine Frau aus einer anderen Gruppe, die nach 1990 einen Deutschen heiratete hat, erzählte mir später, sie stamme aus Südvietnam, sei katholisch und habe in Nordvietnam, wo fast alle Vertragsarbeiter herkommen, einen Funktionär bestochen, um auf die Liste der DDR-Vertragsarbeiter gesetzt zu werden. Sie sang später im Erfurter Domchor mit. Das Ehepaar ist nach 1990 aus Erfurt fort gezogen. Unser Kontakt hat sich dann verloren.
In einem Betrieb (nach meiner Erinnerung war es die Kofferfabrik Kindelbrück) hatte ich einen Vietnamesen zum Schüler, der durch besonders rasches Deutschlernen auffiel. Er bedeutete mir, er sei Graphiker von Beruf und habe eine Hochschulausbildung. Ich weiß noch, mit welcher Intensität er sich bei einem Besuch in meiner Familie in einige unserer Kunstbände, insbesondere einen Band mit Plastiken von Ernst Barlach vertiefte und immer wieder die Umrisse der abgebildeten Skulpturen mit dem Finger nachzeichnete. Meines Wissens fuhr er in der Firma den Gabelstapler.
Ein einziger vietnamesischer Dolmetscher, der meiner Frau und mir vertraute, äußerte sich noch zur DDR-Zeit kritisch über die Politik seines Landes. Kurz nach dem 9. November 1989 – die Grenze zum Westen war für Vietnamesen eigentlich noch nicht durchlässig – war er verschwunden. Meine Frau und ich verstanden erst, als er im Betrieb vermisst wur-de, dass er sich bei uns verschlüsselt verabschiedet hatte. Er hatte offenbar seine – man möchte sagen - Flucht schon länger irgendwie geplant.
Neben einigen wenigen engagierten Einzelpersonen in den Betrieben waren es vor allem die Cabana-Gruppen in der Evangelischen Kirche, die den Kontakt zu den Vietnamesen suchten. Im Allgemeinen kam die Kommunikation damals wenig über das Niveau der ers-ten 12/13 Lektionen des Lehrbuches mit dem sinnreichen Titel „Guten Tag, Kollege!“ hin-aus.
Wenn meine Frau und ich damals Vietnamesen nach Hause einluden, beschäftigten wir uns meistens mit gemeinsamem Kochen und Essen. Die Kommunikation war schwierig. Wir versuchten sie in Gang zu halten mit Hilfe eines Memory-Spiels aus dem Westen. Da konnten auch unsere Kinder mithalten.
Zum Ritual jedes Deutschkurses gehörte es, dass die Vietnamesen die Lehrer zum Kursab-schluss zu einer Feier einluden und opulent bewirteten. Dabei wurde uns Deutschen gele-gentlich auch ein kleiner Einblick in die vietnamesischen Kultur (Kleidung, Accessoires, Lieder …) geboten. Wo die Vietnamesen in der DDR die Zutaten für ihre landestypischen Speisen herbekamen, blieb ihr Geheimnis.
Jahre später im Ausländerarbeitskreis Thüringen stellte sich einmal ein Vietnamese, der in der DDR studiert hatte, vor und sagte, er sei bereits ein Thüringer, denn er könne schon Thüringer Klöße essen. Damals dachte ich spontan (zu sagen wagte ich es nicht): Armer Teufel, was hast du dir angetan? Die grässlichen Thüringer Klöße anstelle von Frühlingsrol-len und Knusper-Ente auf asiatischem Gemüse....
Meine Damen und Herren,
im Frühjahr 1992 wurde ich Ausländerbeauftragter der Thüringer Landesregierung und legte als eine meiner ersten Arbeiten dem damaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel einen Bericht zur Lage der ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter vor. Zu dem Zeitpunkt hielten sich noch knapp 20.000 der ursprünglich 60.000 Vertragsarbeiter in den neuen Bundes-ländern auf.
Als Anreiz für eine freiwillige Rückkehr hatte noch die Regierung de Maiziere den Vertrags-arbeitern die Zahlung von drei Monatsgehältern und der Heimreise- und Gepäcktransport-kosten angeboten. Das hatte die Mehrzahl in Anspruch genommen. Ab dem 3. Oktober 1990 galt dann das Ausländerrecht der Bundesrepublik. Die Bundesregierung hat sich zwar von Anfang an den Vertragsarbeitern gegenüber juristisch korrekt verhalten. Im Einigungs-vertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR war vereinbart worden, dass die Ver-tragsarbeiter bis zum Ende ihrer vertraglich vorgesehenen Aufenthaltszeit (in der Regel waren das fünf Jahre) in Deutschland verbleiben dürfen, sofern sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Nach Ablauf dieser Frist sollten sie aber das Land verlassen. Wer noch 1989 eingereist war, hätte demnach spätestens im Jahre 1994 Deutschland verlassen müs-sen. Eine Integration in die Bundesrepublik war nicht vorgesehen. In die DDR, so die Ar-gumentation des Bundesinnenministeriums, hätte es ja auch keine Integration gegeben.
Es zeigte sich jedoch alsbald, dass die juristische Korrektheit der Lage nicht gerecht wurde und eine politische und humanitäre Lösung für die hiergebliebenen, bleibewilligen und um ihr Bleiberecht kämpfenden Vertragsarbeiter erreicht werden musste. Als erster hat der Thüringer Ministerpräsident Vogel das Thema „Ausländische Vertragsarbeiter“ 1992 auf die Tagesordnung einer Ministerpräsidentenkonferenz gesetzt. Damals kam es allerdings über eine erste Erörterung im Rahmen des üblichen Kamingesprächs nicht hinaus.
Der Weg zu einer einigermaßen akzeptablen Bleiberechtsregelung war langwierig und stei-nig. Nicht unerwähnt bleiben kann die in der unsicheren Zeit nach 1990 auftauchende vietnamesische Zigarettenmafia. Mit ihrer kriminellen Energie hat sie damals den Ruf der Vietnamesen in der Öffentlichkeit schwer beschädigt (auch wenn man heimlich gern die unversteuerten Zigaretten kaufte). Wer sich für eine humanitäre Bleibe-Regelung für die Vertragsarbeiter einsetzte, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, er fördere die organi-sierte Kriminalität. Eine ausländerrechtliche Lösung wurde erst im Zusammenhang mit dem sog. Asylkompromiss gefunden. Dafür hatten sich zum Zwecke der Einfügung des Artikels 16a ins Grundgesetz Regierung und Opposition im Deutschen Bundestag zu einer Zweidrittel-Mehrheit zusammenschließen müssen. Die einzelnen Schritte der anschlie-ßenden Bleiberechtsregelung darzustellen, sprengt den Rahmen meines Beitrags.
Die Vertragsarbeiter, die heute noch hier sind, müssen starke Persönlichkeiten mit guten Nerven sein. Anders hätten sie die Zeiten der (ausländerrechtlichen) Ungewissheit, die Belastungen des dauerprovisorischen Zustands ihrer Lebenssituation und die Probleme der Existenzsicherung ihrer Familien nicht durchgestanden. Bereits das verdient Respekt.
Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen. Von den hiergebliebenen Vietname-sen wurden zahlreiche Familien gegründet. Viele vietnamesische Kinder sind in Thüringen geboren worden und wachsen hier auf. Dass sich ihre Integration nahezu geräuschlos und im Allgemeinen sehr erfolgreich vollzogen hat bzw. vollzieht, verdient unser aller Anerken-nung.
Liebe Vietnamesen, liebe vietnamesischstämmige Deutsche: Es ist gut, dass Sie da sind.