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Grußwort
Fachtagung des Bildungswerkes der Thüringer Wirtschaft zum Thema „Interkulturelle Öffnung der Verwaltung“
9. Dezember 2009 in Jena
Sehr geehrter Herr Jakobi (als Veranstalter),
meine sehr geehrten Damen und Herren,
es ist hocherfreulich, dass die bundesweite Fachtagung zum Thema „Interkulturelle Öffnung der Kommune“ in Thüringen, genauer hier in Jena ausgerichtet wird. Es ehrt das Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft, sich des Anliegens angenommen und die Tagung organisiert zu haben. Und für die hiesigen Akteure der Integrationsförderung und der Förderung des verständnisvollen Miteinanders von Einheimischen und Zugewanderten ist es eine Ehre, dass sich in Ihnen, meine Damen und Herren, wichtige Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Praxis als Referenten, als Diskutanten oder einfach als interessierte Zuhörer auf den Weg nach Jena gemacht haben. Seien Sie herzlich willkommen! Ich wiederhole: Es ist für uns eine Freude und auch eine Ehre, Referentinnen und Referenten unter anderem aus Städten wie Berlin, Hamburg und München zu begrüßen – Orte, in denen sich der migrations- und integrationspolitische Diskurs wie in einem Brennpunkt verdichtet.
Selbstverständlich ist das alles nicht. Denn Thüringen ist zwar die Mitte der Bundesrepublik, das grüne Herz Deutschlands, aber – wie die Dinge nun einmal liegen – ist unsere Region mit weniger als zwei Prozent Ausländern und einer sich in Grenzen haltenden Zahl von Personen mit Migrationshintergrund alles andere als ein Schmelztiegel der Kulturen. Zwar vermittelt die Universität Jena durch die Internationalität der Wissenschaft und durch zahlreiche ausländische Studenten zumindest Ansätze eines kosmopolitischen Lebensgefühls, aber wer hier darüber hinaus mit Migranten zu tun hat, stößt auf bescheidene Verhältnisse und ist sich dessen auch bewusst.
Schon für das Zustandekommen gesetzlicher Integrationskurse oder beruflicher Anpassungsqualifizierungen mangelt es mitunter an der Möglichkeit, einigermaßen homogene Gruppen zu bilden. In Thüringen muss Vieles einzelfallbezogen organisiert werden. In der Migrationserstberatung und bei den Jugendmigrationsdiensten haben wir weiße Flecken auf der Landkarte. Weite Wege sind zurückzulegen. Sonneberger Asylbewerber (Sonneberg liegt an der Grenze zu Bayern nahe Coburg) kommen schon mal zu mir nach Erfurt ins Ministerium, um sich persönlich beraten zu lassen (in Baden-Württemberg vermutlich unvorstellbar). Improvisationstalent ist gefragt. Denn durchs Raster fallen soll niemand, nur weil es ihn nach Thüringen verschlagen hat. Für mich als Ausländerbeauftragter ist jeder Immigrant, jede Immigrantin eine very important person. Anscheinend sieht das neuerdings auch die Landesregierung so. Etwas ungelenk heißt es im jüngsten Koalitionsvertrag zwischen der Thüringer CDU und SPD: „Die Landesregierung sorgt für eine gelingende Integration aller, die dauerhaft hier leben wollen. Dies gilt auch für Spätaussiedler“. Die linke Opposition ließ es sich natürlich nicht entgehen, im Thüringer Landtag unter Hinweis auf die Formulierung des Koalitionsvertrags anzufragen, ob es künftig ausreiche, der Ausländerbehörde gegenüber zu erklären, dass man in Thüringen dauerhaft leben wolle, um integriert zu werden, mithin das Aufenthaltsgesetz nicht mehr gelte. Es gilt freilich weiterhin, und es mag jedem Einzelnen überlassen bleiben, solche Politspiele zu bewerten.
Meine Damen und Herren,
am 14. Dezember 1962 begann in dieser Gegend für das Wort „inter“ eine seltsame Konjunktur. An diesem Tage nämlich wurde in der DDR die staatliche Handelsorganisation Intershop gegründet. (Die bekannte, nach 1990 gegründete Jenaer IT-Firma hat sich den Namen nur ironisch angeeignet). In den DDR eigenen Intershops – sie fanden sich bald in jeder mittelgroßen Stadt – wurde keine Software produziert. Vielmehr wurden dort gegen harte kapitalistische Währung Konsumgüter verkauft, von denen DDR-Bürger nur träumen konnten und nur zu träumen wagten, wenn ihr proletarisches Klassenbewusstsein nicht hinreichend gefestigt war.
Westgeld besaß ein DDR-Bürger in der Regel nicht. Er durfte es zunächst auch nicht besitzen. Zielgruppe der Intershop-Läden waren westdeutsche oder ausländische Reisende, die mit ihren Einkäufen die klamme Devisenkasse der DDR aufbessern sollten. Ab 1974 durften auch DDR-Bürger Westgeld in den Intershop tragen, wenn sie es von dortigen Verwandten oder Bekannten, also von Exemplaren des stets zu bekämpfenden Klassenfeindes, geschenkt bekommen hatten. Die Zahl der „black & decker“ Bohrmaschinen in Proletarierhand nahm sprunghaft zu. Die Gesellschaft spaltete sich in die Masse der Besitzlosen und die Kaste derer, die sich von ihrem Westopa ideologisch distanzierten und gleichzeitig dessen Geld in die besagten Intershops trugen. Als dezenter Kollateralschaden der organisierten Heuchelei ergab sich, dass sich der Sozialismus im Bewusstsein der Menschen schon schleichend erledigt hatte, während der ihn repräsentierende real existierende Staat noch bis 1989 dahinsiechte.
„Inter“ war „in“. Zum Intershop gesellte sich in jener Zeit der Inter-Tank, Tankstellen an den Autobahnen, wo Transitreisende für echtes Geld ordentliches Benzin (sogar billiger als im Westen) tanken konnten; ferner die Fluggesellschaft Interflug, die etwas gehobene Hotelkette Interhotel. Und da man in der DDR mangels Erreichbarkeit die Geographie der Schweiz nur unvollkommen beherrschte, konnte man sich unter Interlaken gar nichts anderes vorstellen als den VEB Bettwäscheproduktion.
Dass das kleine lateinische Wörtchen „inter“ eigentlich nur „zwischen“ bedeutet, machte man sich damals selten klar. Macht man es sich heute?
„Inter“ ist auch heute „in“. Und es ist Anfang der 1990er Jahre eine neue Ehe eingegangen: interkulturell. Da nützt es alles nichts, wir müssen über Kultur reden.
Kultur ist irgendwie alles, sagte der jahrelang für die UNESCO tätige Kulturanthropologe Constantin von Barloewen 1996 auf einer Veranstaltung meines Amtes zum Thema „Weltzivilisation und Weltethos. Auf dem Wege zu einer interkulturellen Identität“. Und er stellte einen Vergleich an: Kultur sei für den Menschen das, was für den Fisch das Wasser ist. Der Fisch merke nicht, dass er im Wasser lebt. Es ist der ihn selbstverständlich umgebende Lebensraum, ohne den er nicht existieren kann. So ähnlich lebt der Mensch in seiner Kultur.
Barloewens Vergleich liefert zwar keinen handhabbaren Kulturbegriff. Aber er plädiert dafür, Kultur umfassend zu verstehen. Kultur ist eben nicht das, was Gegenstand vieler kulturpolitischer Debatten ist: ein abgrenzbarer Sonderbezirk, bestehend aus bildender Kunst, schöngeistiger Literatur, Theater und Musik, für den ein Kulturminister zuständig ist, der sein Gehalt dafür bezieht, regelmäßig die Klagen der sogenannten Kulturschaffenden über die stets unzureichende finanzielle Förderung zu ertragen. Oder wird etwa in Hamburg, Berlin, München und Oldenburg nicht geklagt?
Kultur ist irgendwie alles. Und das ursprüngliche lateinische Wort „cultura“ umfasst auch alles, – vom Ackerbau bis Kultus, also von Weltgestaltung bis Religion, von Broterwerb bis Gottesbeziehung.
Die Ideologie der multikulturellen Gesellschaft, ein Produkt postmoderner Beliebigkeit, wollte uns den Respekt vor fremden Kulturen lehren. Das ist aller Ehren wert, blieb aber meistens im Harmlosen stecken. Marie Luise Beck, die ehemalige Ausländerbeauftragte des Bundes, schwärmte beim Stichwort „Multikultur“ regelmäßig von der Vielfalt der Speisekarten, Haartracht, der Tanz-, Musik- und Kleidungsstile usw. Okay, da schwärme ich mit. Hier macht Vielfalt in der Tat unser Leben reich. Gegen Multikultur im Sinne von Multifolklore ist nichts einzuwenden, außer, dass es sich dabei um einen reichlich verengten und eben harmlosen Kulturbegriff handelt. Und deswegen bin ich dann doch ein Spielverderber.
Kultur ist irgendwie alles, zumindest alles, was vom Menschen gemacht wird. Resultiert daraus bereits, dass alles, was sich auf Kultur beruft, auch schon gut und akzeptabel ist?
Spielverderber schocken gern. Es genügt, darauf hinzuweisen, dass sich diejenigen, die den grausamen Ritus der genitalen Verstümmelung von Mädchen praktizieren, auf gar nichts anderes als ihre Kultur berufen und sich gewöhnlich jede kritische Einmischung von außen als westlichen Kulturimperialismus verbitten. Nicht viel anders sieht es aus bei patriarchalischen Verhaltensmustern, beim Thema Zwangsverheiratung, beim Thema Verhältnis der Geschlechter, beim Thema Familienehre, bei rigiden Bekleidungsvorschriften, bei manchen Formen von Gewalt usw.
Kultur ist irgendwie alles, aber ist sie immer auch schon etwas Gutes? Wir brauchen einen Maßstab, mit dessen Hilfe wir kulturelle Gegebenheiten beurteilen. Und da stoßen wir durchaus auf ein Dilemma. Denn der Maßstab für die Beurteilung von Kultur ist selbst ein Produkt von Kultur – unserer Kultur eben, unserer Wertvorstellungen, die nun allerdings – und das macht die Sache noch komplizierter – nichts Statisches darstellen, nichts einmal Gegebenes, Unveränderliches und von allen Akzeptiertes, sondern vielmehr Ergebnis geschichtlicher Erfahrung. Das spricht dann doch für das, was man interkulturellen Dialog nennt.
Und da geht es eben nicht um Tanzstile und Kochrezepte, sondern da treffen Überzeugungen und Wertordnungen aufeinander. Da begegnen die geschichtlichen Erfahrungen der einen denen der anderen. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man von interkultureller Öffnung der Kommune redet. Das mag spannend, dürfte aber auch anstrengend sein. Werterelativismus und Wertebeliebigkeit liefern für solche Auseinandersetzungen weder die Methode, noch die Lösung. Dass jeder nach seiner Facon selig werden möge, stimmt nur, wenn es sich in einen allgemein akzeptierten Rahmen fügt. Ohne einen solchen, ohne ein Mindestmaß an Übereinkunft kann kein Leben in der Gesellschaft funktionieren.
Aber wir haben ja einen solchen Rahmen, wird allgemein gerufen, wenn die Rede auf diesen Sachverhalt kommt. Wir haben doch das Grundgesetz, wir haben doch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und neuerdings haben wir den Lissabonvertrag. Es ist richtig, die praktische Politik hat sich ihre relativ stabilen Bezugspunkte geschaffen. Doch täuschen wir uns nicht! Das alles, Verträge und Verfassungen, sind ihrerseits Produkte von Kultur und bleiben Papier, oder sagen wir besser, bleiben angefochten und gefährdet, wenn oder solange sie nicht durch die praktisch gelebten Überzeugungen der Menschen – also kulturell - gedeckt sind. Immer wieder ist an das Diktum des ehemaligen Verfassungsrichters Wolfgang Böckenförde zu erinnern: „Der moderne Verfassungsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann“.
Interkulturelle Öffnung der Kommunen: Meine Damen und Herren, Sie haben sich da auf etwas eingelassen. Ich wünsche ein gutes Gelingen.