
„Gesundheit und Migration in Thüringen“
Fortbildungsveranstaltung des Vereins refugio zum Projekt „Sprach- und Kulturmittler im Gesundheitswesen“ am 22. September 2009 in Jena
Meine Damen und Herren,En arch hn o logos…
Da stoßen wir bereits auf ein Übersetzungsproblem, wenn sie so wollen, auf einen interkulturellen Sachverhalt. Arché ist nämlich nur ungenügend mit „Anfang“ übersetzt. Anfang vermittelt im Deutschen eine rein zeitliche Vorstellung. Arché im Griechischen ist umfassender zu verstehen. Die Vorsokratiker, griechische Denker, deren Ideen man in Europa als die Wurzel der europäischen Philosophiegeschichte ansieht, suchten nach dem Ursprung aller Dinge, eben nach einer Arché, aus der alles Dasein, die Welt, hervorgeht und auf die sich alle seienden Dinge zurückführen lassen.
Einer der ersten, von dem wir noch etwas wissen, war Anaximenes (Mitte der 6. vorchristlichen Jahrhunderts). Für ihn ist die Luft die Arché, der Ursprung, aus dem alles hervorgeht. Er stellt sie sich allerdings als etwas Lebendiges vor. Das Entstehen der seienden Dinge erklärt er sich als Verdichtung und Verdünnung der Luft. Durch Verdünnung werde sie Feuer, durch Verdichtung zunächst Wind, dann Wolke, weiter verdichtet Wasser, dann Erde, schließlich Stein.
Oder: Für Heraklit (um 500 v. Chr.), der offenbar an Anaximenes anknüpft, ist die Arché das Feuer. Die Welt ist für ihn ein ewig lebendes Feuer – die Arché ist also in der Welt anwesend – und, schon etwas abstrakter gedacht, ein Feuer, das „nach Maßen erglimmt und nach Maßen erlischt“, wie es in einem überlieferten Fragment heißt. Kommt das nicht mit etwas Phantasie bereits den Vorstellungen der modernen Physik von der Austauschbarkeit von Materie und Energie nahe?
Und um ein letztes Beispiel zu nennen: Demokrit (450-370 v. Chr.), wohl der bekannteste der Vorsokratiker. Auf ihn geht die Vorstellung von Atomen, von unteilbaren Teilchen, zurück, die sich nach Gestalt, Lage und Anordnung unterscheiden. Nur die Atome und das Leere bilden für ihn die Wirklichkeit. Weltkörper und Dinge entstehen nach seiner Vorstellung durch wirbelnde Bewegung im Leeren und durch Kräfte der Vereinigung, die Ähnliches mit Ähnlichem zusammenschließen. Eine Auffassung, über die man nur staunen kann, wenn man berücksichtigt, dass diese Vorstellungen gut 2000 Jahre vor den Erkenntnissen der modernen Physik ohne Experimente als reine Denkleistung hervorgebracht worden sind.
Die Quintessenz, um die es hier gehen soll, ist klar: Für Übersetzer gilt immer und überall, sie müssen mithören, was alles im Begriff steckt, was er umfasst und welche Assoziationen er in der Ursprungssprache hervorruft. Und dann müssen sie sich mit der deutschen Sprache quälen, wenn sie den Satz angemessen ins Deutsche übertragen wollen.
Machen wir einen Sprung in das frühe 19. Jahrhundert!
Auch Goethes Faust hat sich mit dem Satz gequält:
En arch hn o logos…
Er bleibt allerdings bei einem anderen Begriff hängen. Ihn quält nicht die Arché, sondern der Logos. In der Szene im Studierzimmer will er „das heilige Original“ des neutestamentlichen Textes in sein geliebtes Deutsch übertragen.
Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat,
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
Logos – erst Wort, dann Sinn, dann Kraft, schließlich Tat. Was Faust hier verschieden übersetzt, kann man durchaus als verschiedene Lebensentwürfe verschiedener Epochen deuten. Goethe könnte eine Ahnung davon gehabt haben, dass auf den Hörer des Wortes, auf den mittelalterlichen Mystiker, der Sinnsucher der Romantik folgt und nach ihm die Kraft und die Tat ins Zentrum der Zivilisation rücken, die den homo faber der Moderne hervorbringen, den Macher des technischen Zeitalters. Und wir erkennen, wenn im Ursprung, wenn in der Arché unserer Zivilisation die Kraft und die Tat hocken wie der Läufer im Startblock, dann brauchen wir uns über die allgegenwärtige Beschleunigung nicht zu wundern. Dann liegen der Aktionismus und das Burn-out-Syndrom gewissermaßen schon vom Ursprung her im System der Moderne. Diejenigen unter Ihnen, meine Damen und Herren, die sich vielleicht als Sprachmittler in der psychotherapeutischen Praxis engagieren, und das hat ja refugio im Blick, werden gewiss das eine oder andere Mal mit den Opfern der unaufhaltsamen Beschleunigung konfrontiert werden. Und da denke ich nicht in erster Linie an Motorradfahrer, sondern an die Beschleunigung unserer Lebensvollzüge, mit denen nicht jeder mitkommt. Flüchtlinge aus vormodernen Kulturen haben es da besonders schwer.
Bleiben wir dabei: „Im Anfang war das Wort“. Das Wort hat allerdings zunächst keinen Inhalt. Und das ist es ja auch, was Faust stört und zu seinen Neu-Übersetzungsversuchen treibt. Das Wort als solches ist inhaltsleer. Aber als Angehörige des Medienzeitalters verstehen wir: Wort ist ein Medium. Vorzugsweise ist es das Medium der Selbstmitteilung. Wer (christlich inspiriert) das Johannesevangelium gläubig liest – und darauf hat es natürlich sein Autor abgesehen – bezieht den Logos, das Wort, auf die Person Jesu Christi und sieht in ihm die Selbstmitteilung Gottes an die Welt: die Offenbarung, was es mit der Sache des Menschen auf sich hat und wie sein Leben gelingen kann. Wem solche religiösen Überlegungen fremd sind, dem leuchtet vielleicht eine andere Erkenntnis ein. Zumindest für den sozialen Charakter des Menschseins, also für die Gesellschaft, gilt doch: Im Ursprung steckt das Wort. Wir müssen miteinander reden, nicht nur, um Daten auszutauschen, sondern um überhaupt als Menschen existieren zu können. Die Selbstmitteilung des Menschen gegenüber einem anderen Menschen ist die Arché der Gesellschaft, sie ist ihr Wesenskern. Sie ist gewissermaßen das Grundprinzip des Sozialen. Um sozial sein zu können, müssen wir uns einander zu erkennen geben. Insbesondere um lieben zu können, müssen wir so etwas wie Selbstoffenbarung betreiben.
Und wenn ich jetzt wiederum die Brücke zur Psychotherapie schlage, dann vermute ich, dass mir die Psychologen Recht geben, wenn ich sage, dass man psychisch kranken, traumatisierten und neurotischen Menschen nicht wirklich helfen kann, wenn sie sich nicht zu erkennen geben, wenn sie sich nicht offenbaren. Eine bloße „Außensicht“, eine Außendiagnose, ein Beobachten der Fassade der Persönlichkeit, eine reine Symptomdiagnose mag manche Hinweise geben, aber sie wird niemals zur wirklichen Erkenntnis eines Menschen führen. Nun ist bei psychisch kranken und traumatisierten Personen gerade dieses Sich-zu-erkennen-geben, die Fähigkeit der Selbstoffenbarung, oft gestört. Es muss viel Vertrauen aufgebaut werden, damit Menschen, die körperliche, vor allem aber seelische Verletzungen erlitten haben, sich anderen gegenüber offenbaren. Sie, meine Damen und Herren, werden als Sprachmittler im Gesundheitswesen damit zu tun bekommen.
Wir alle, auch wenn wir uns für gesund halten, sind ja durchaus gewöhnt, bei unseren Selbstmitteilungen anderen gegenüber einen mehr oder weniger großen inneren „Sicherheitsabstand“ einzuhalten. Im vertrauten Milieu mag dieser Selbstoffenbarungsvorbehalt vom Ich zum Du gering, in der Intimität aufgehoben sein. Im beruflichen Leben hingegen trennen wir zu Recht zwischen unserer beruflichen Rolle und unserer Privatsphäre. Je „veröffentlichter“ eine Person ist, umso weniger gelingt ihr das. Prominente, vor allem Politiker, haben oft Mühe, sich überhaupt noch etwas Raum für ein Privatsein zu leisten und wenigsten Teile ihres Innenlebens vor dem Zugriff der öffentlichen Neugier zu schützen.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang von einem Vorgang berichten, der mich doch recht betroffen gemacht hat. Ich habe in den vergangenen Monaten die Berichterstattung über die Unfallfolgen und den Genesungsprozess des inzwischen zurückgetretenen Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus verfolgt. Manche Beiträge konnte ich nur mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nehmen; vor allem dann, wenn sich mehr oder weniger wichtigtuerische Ärzte in Zeitungen zu Wort meldeten mit der Formel: „Ich habe zwar Herrn Althaus nicht behandelt, aber …“ Und dann folgen munter medizinische und psychologische Einschätzungen per Ferndiagnose. Manchmal folgen auch nur ein paar medizinische Lehrbuchweisheiten zur Volksaufklärung.
Regelrecht schockiert aber war ich vor ein paar Tagen über ein in der in Suhler Zeitung „Freies Wort“ erschienenes Interview von Jens Wenzel mit der Erfurter Psychologin Alina Wilms. Frau Dr. Wilms firmiert als Trauma-Expertin, coacht laut Homepage aber auch Banker zwecks mentaler und beruflicher Effizienzsteigerung. Das Interview beschäftigt sich mit den vermeintlichen oder tatsächlichen Spätfolgen des Skiunfalls von Dieter Althaus. Vorgeführt wird nicht weniger als eine öffentliche Vivisektion der vermeintlichen Psyche des zu dem Zeitpunkt bereits von seinen Ämtern zurückgetretenen Ministerpräsidenten. Auf mich wirkt das Interview so: Eine Person wird in der Analyse der Psychologin zum reinen Gegenstand. Ein lebendiger Mensch wird psychisch öffentlich seziert und damit gewissermaßen zur „Leiche“ gemacht, dessen Persönlichkeits-Einzelteile man etikettiert und beinahe genüsslich der Öffentlichkeit vorführt, wobei sich die Psychologin in ihrem wissenschaftlichen Gehabe sonnt. Selten ist mir die Verletzung von Immanuel Kants Imperativ, dass ein Mensch niemals als Gegenstand, als Mittel zum Zweck, benutzt werden dürfe, sondern stets als Selbstzweck zu respektieren sei, so anschaulich dargeboten worden wie in den Analysen der Frau Wilms. Das Interview trägt den, man muss schon sagen, heuchlerischen, scheinbar mitfühlenden Titel „Dermaßen viele Schläge verkraftet niemand“. In seiner Wirkung auf den Betroffenen könnte es freilich das Zeug haben, akkurat den Schlag zu versetzen, der gerade noch gefehlt hat – auch wenn Althaus selbst, der ja einiges gewöhnt sein dürfte, die Sache sportlich nehmen mag.
Über die Motive, mit denen sich Interviewer und Interviewte ihrem „Gegenstand“ nähern, kann man nur spekulieren. Bei dem – ich wage den Ausdruck - „pornographischen“ Blick des Journalisten und der Therapeutin auf ihr „Beobachtungsobjekt“ hat jedenfalls die journalistische Ethik ebenso versagt wie das Ethos der Heilberufe. Was Zeitungsschreiber und Psychologin dabei im Einzelnen eruieren, ist letztendlich belanglos. Es geht um diesen vergegenständlichenden, empathielosen, kalt analytischen Blick auf einen lebenden Menschen, dem man seine Diagnosen wie einen nassen Lappen öffentlich um die Ohren schlägt. Mir ist keine Reaktion darauf aus den einschlägigen Standesverbänden bekannt. Auch den professionellen Gewaltpräventions-Aktivisten scheint nichts aufgefallen zu sein. Aber ich frage mich, warum wir, die geneigte Leserschaft, uns bieten lassen müssen, zuzusehen wie hier – sehr subtil und ach, so gescheit – die kulturell errichteten Hemmschwellen vor der Verletzung der Menschenwürde (und sei es „nur“ der eines Politikers) öffentlich abgehobelt werden. Muss man sich dann wundern, wenn in Milieus, in denen es weniger intellektuell zugeht, Jugendliche zutreten, bis sich der Getretene nicht mehr regt?
Meine Damen und Herren, Sie bereiten sich darauf vor, sich als Sprach- und Kulturmittler im Gesundheitsbereich zu engagieren. Da geht es hoffentlich weniger gnadenlos zu als in der Politik. Da wird es nicht immer extreme Situationen geben. Aber Sie werden in Situationen kommen, in denen Sie ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen benötigen. Das Beispiel mit dem Ministerpräsidenten habe ich Ihnen geboten, um Sie zu einer besonderen Perspektive einzuladen. Versuchen Sie, trotz aller notwendigen professionellen Distanz der Perspektive der Patienten, in Ihrem Falle der Migranten, nahe zu sein. Diese sind der verletzliche Teil im Hilfesystem und es sind diejenigen, um die es geht.
Mit Ihrem Projekt wollen Sie die Sprach- und Kulturmittlung im Gesundheitsbereich voranbringen. Dadurch sollen die Zugangshürden zur Gesundheitsversorgung abgebaut werden, die für Migranten, insbesondere für ausländische Flüchtlinge, noch immer bestehen. In den Diagnose- und Therapieformen, in denen die Kommunikation zwischen Patient und Therapeut die zentrale Rolle spielt, liegen für Immigranten und Ärzte die größten Schwierigkeiten. Ich gratuliere Ihnen, dass Sie sich dieser Herausforderung stellen. Und ich gratuliere dem Verein refugio, dass er mit langem Atem die Sache angegangen ist. Sie gehen auf eine Aufgabe zu, die Sie nicht nur als Übersetzungstechniker, sozusagen als Sprachroboter in Anspruch nehmen will, sondern als echte Vermittler im Diagnose- und Therapieprozess. Da müssen Sie mehr einbringen als nur Vokabeln. Da werden Sie – oft unspektakulär - als Person gefordert sein mit Ihren menschlichen Qualitäten, Ihren Kenntnissen, Ihrer interkulturellen Kompetenz, aber auch mit Ihrem Einfühlungsvermögen, Ihrer Diskretion.
Ich bin gebeten worden, einer ganzen Reihe von Teilnehmern heute schon die ersten Zertifikate zu überreichen. Ich tue das mit Freude und gratuliere Ihnen zu diesem ersten Erfolg. Ich gratuliere Ihnen, dass Sie sich der Herausforderung gestellt haben. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie sich den anspruchsvollen Aufgaben, die auf Sie zukommen, nicht nur sprachlich, sondern stets auch ethisch und menschlich gewachsen zeigen.
Und ein letzter Appell: Haben Sie keine Angst davor! Wer außer Ihnen soll es denn machen?
Literatur:
• Hermann Diels: Die Fragmente der Vorsokratiker. – Hamburg (Rowohlt) 1957.
• Jens Wenzel, Alina Wilms: „Dermaßen viele Schläge verkraftet niemand“ Interview in der Tageszeitung „Freies Wort“ vom 17. 09. 2009
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• Johann Wolfgang Goethe: Faust I, Szene „Studierzimmer“.