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Grußwort
Einweihung der Außenstelle Jena-Hermsdorf des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge am 26. Mai 2008
• Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge Dr. Schmid
• Präsident des Oberverwaltungsgerichtes Dr. Schwan
• Präsidenten der Thüringer Verwaltungsgerichte
• Bürgermeister von Hermsdorf Herr Pillau
• Vorsitzende der Verwaltungsgemeinschaft Frau Präßler
• Herr Schulze, Vertreter des Thüringer Innenministeriums
• Herr Makk, Vertreter der LIGA der Wohlfahrtsverbände
Meine Damen und Herren,
insbesondere liebe Kolleginnen und Kollegen der Thüringer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, des Bamf (wie wir im Insiderjargon zu sagen pflegen).
Bamf assoziiert ja nicht nur Kampf und Mampf, sondern auch Dampf, und seitdem Migration und Integration in der offiziellen Politik endlich den Stellenwert bekommen haben, der ihnen schon von je her hätte zukommen müssen, wird in Migrationsfragen von allen Seiten Dampf gemacht, nicht zuletzt vom Bundesamt, wenn ich nur an die Produktion der Studien, Berichte und Working-Papers denke, die mir in letzter Zeit aus Ihrem Amt auf den Schreibtisch gekommen sind, sich im Regal türmen und wie die Brote im Backofen der „Frau Holle“ rufen: „Nimm uns heraus! Studier uns! Wir verstauben!“ – ständig Nahrung fürs schlechte Gewissen, auch wenn man sich – allein schon aus „Gender-Gründen“ - nicht zur faulen Pechmarie zählen mag.
Ich grüße Sie herzlich hier in Thüringen. Und ich gratuliere Ihnen zu Ihren neuen Diensträumen hier in Hermsdorf. Ich grüße Sie als Ausländerbeauftragter des Landes, als jemand also, der mit der Förderung des friedlichen und verständnisvollen Zusammenlebens von Einheimischen und Immigranten in Thüringen beauftragt ist, dem das durchaus ein Herzensanliegen ist und der gern mit denen kooperiert, die ähnliche Aufgaben in anderen Institutionen wahrnehmen. Und dazu gehören an hervorragender Stelle auch Sie vom Bundesamt – sowohl in der Zentrale in Nürnberg als auch hier vor Ort in Hermsdorf. Und ich nutze gern diese Einweihungsfeier, um öffentlich für die gute Zusammenarbeit zu danken, die mich vor allem mit Herrn Kotlenga und den Regionalkoordinatorinnen Frau Pampel und Frau Wallendorf verbindet. Ich drohe schon einmal an, dass ich Sie wieder für das Seminar im November anzusprechen gedenke, zu dem wir traditionell alle mit Integrationsaufgaben befassten Personen aus Thüringen einladen. Stichwort: Vernetzung, Fortbildung, gegenseitige Ermutigung!
Meine Damen und Herren,
in den Räumen, die heute feierlich eingeweiht werden, wird verwaltet. Eine eher nüchterne Angelegenheit. So auch Ihr neues Gebäude - funktional und freundlich, wie Verwaltung nun einmal ist, oder doch sein soll. Und über die Verwaltung selbst fällt uns auch eher Ernüchterndes ein. Als politischer Beamter, gewissermaßen an der Nahtstelle von Politik und Verwaltung, weiß ich: Die Verwaltung wird einerseits gern übersehen, und zwar immer dann, wenn sie funktioniert. Andererseits wird sie wird sehr gern zur Zielscheibe öffentlicher Häme, wenn irgendwo tatsächlich oder vermeintlich etwas schief gelaufen ist. Dann ist der Öffentlichkeit kein Klischee zu kitschig, kein Anlass zu abgeschmackt, um den berühmten Amtsschimmel aufzuzäumen und genüsslich in die Arena zu führen. Machen wir uns nichts vor: Verwaltung ist nur dann wirklich lustbetont, wenn man sich über sie empören darf. Und öffentliche Empörung und Entrüstung – das sei in Klammern vermerkt - sind ja längst schon zu so etwas wie Ersatzreligionen geworden, seit in der säkularisierten Postmoderne die Frage nach der Wahrheit verpönt ist und von der Frage nach der Wirkung abgelöst wurde. Um es philosophisch auszudrücken: seitdem Epikur über Aristoteles gesiegt - also die Lust, wirken zu wollen, das Interesse an richtiger Erkenntnis in die Flucht geschlagen hat.
Die Verwaltung, die in diesen Räumen stattfindet, ist allerdings von besonderer Art. Hier werden keine Sachen verwaltet – nicht der Zustand von Straßen und Autobahnen, nicht Polizeiausrüstungen, nicht die Steuergelder braver Bürger – alles zwar gelegentlich erregende Themen, aber im letzten doch tote Gegenstände. Hier, im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, geht es unmittelbarer als anderswo um das, was man unter dem Leben versteht, dem Leben im engeren Sinne. Ihr Verwaltungshandeln, verehrte Kolleginnen und Kollegen des Bundesamtes, ist eng mit - ich wage den etwas pathetischen Begriff - Lebensschicksalen verbunden: mit den konkreten Hoffnungen und Befürchtungen, mit den menschlich sehr verständlichen Erwartungen und Ängsten, mit den persönlichen Zukunftsplänen von Immigranten. Es gibt m. E. kaum einen Verwaltungsbereich, der so unmittelbar und unter Umständen so einschneidend in den konkreten Lebenslauf oder die Lebensplanung von Menschen eingreift, wie die Entscheidungen in Asylverfahren und die Mitwirkung bei der Integration von Immigranten. Die Gewährung oder Versagung eines Aufenthaltsrechts etwa betrifft einen Menschen tiefer als ein Steuerbescheid.
Man kann es diesem Gebäude, man kann es diesen Diensträumen naturgemäß nicht ansehen, dass sich hier ein Verwaltungshandeln abspielt, welches durch eine besondere Nähe zu menschlichen Lebensschicksalen gekennzeichnet ist. Diese sachliche Nähe zu Lebensschicksalen ist eine ständige Herausforderung für diejenigen, die hier Dienst tun. Ihnen dürfte ja das dem alltäglichen Verwaltungshandeln inhärente Spannungsverhältnis nicht fremd sein: Distanzlose Nähe zu denjenigen, deren Anliegen man zu bearbeiten hat, macht unprofessionell. Das ist die eine Seite. Andererseits gilt: eine empathielose Distanz zu den Immigranten, um die es geht, eine empathielose Distanz zu den Menschen hinter den Akten macht zynisch. Hinzu kommt, dass man stets einem nicht unkomplizierten Regelwerk verpflichtet ist, das oft nicht das Ergebnis logischer Stringenz, sondern politischer Kompromisse ist. Vielleicht kann ja die feierliche Einweihung neuer Diensträume ein Anlass sein, sich dieser Herausforderung neu bewusst zu werden: gewissermaßen die emotionale Spannung von Distanz und Nähe ins Bewusstsein zu heben, die ja unterschwellig, im Un- oder Halbbewussten stets vorhanden ist.
Die Balance von Distanz und Nähe gehört zur Alltagserfahrung der Verwaltung. Die Klugheit, sie immer wieder neu auszutarieren, wünsche ich Ihnen; ebenso die Charakterfestigkeit, sie Tag für Tag auszuhalten. Wer sich dieser Herausforderung stellt, verdient es, geachtet zu werden. Und er verdient natürlich ordentliche Arbeitsverhältnisse, wie sie sich hier ja abzeichnen. Ich wünsche allen, die hier Dienst tun, viel Kraft für die anstehenden Aufgaben, die Überzeugung, dass sie Sinnvolles leisten und wenigstens gelegentlich Freude im Alltag.