Inhalt
Grußwort
Fachtagung „Psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen in Thüringen“
13. Juni 2007 in Jena
Frau Busche, Geschäftsführerin und Veranstalterin
Frau Neudert, Dezernentin für Soziales der Stadt Gera
Frau Thiele, Ausländerbeauftragte und Vertreterin der Stadt Jena
Herr Schulze, Vertreter des Thüringer Innenministeriums
(Anrede)
Eine Idee hat Gestalt angenommen. Und wenn sie eines Tages zum Erfolg führt, dann wird es wahrscheinlich Viele geben, die sich zu Vätern und Müttern – mindestens jedoch zu Pflegeltern oder Geburtshelfern - der Idee erklären werden. Ob dann das Land Thüringen dazu gehören wird, werden wir sehen. Soweit ist es heute noch nicht. Noch dürfte es für den Verein „refugio“, Initiator und Träger des psychosozialen Zentrums und Veranstalter dieser Fachtagung, zu früh sein, um Erfolgsbilanzen vorzulegen. Um im Bild zu bleiben: Das Kind ist geboren, aber nun muss etwas aus ihm werden.
Und damit etwas Ordentliches aus ihm wird, macht der Verein „refugio“ etwas durchaus Richtiges. Er tritt mit dieser Fachtagung ein in einen Kommunikationsprozess. So jedenfalls deute ich die heutige Konferenz, und ich danke den Veranstalterinnen, dass Sie mich dazu eingeladen haben und mir die Gelegenheit geben, in einem kurzen Grußwort ein paar Überlegungen vorzutragen.
Kommunikation, lassen Sie mich dieses Stichwort aufgreifen, ist nicht nur erforderlich dafür, dass ein solches Projekt wie der Aufbau eines psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge in Thüringen gelingen kann. Kommunikation scheint mir auch der wesentliche Inhalt dessen zu sein, was ein solches Zentrum zu leisten hat.
Aus dem Mittelalter ist ein Experiment überliefert. Manche von Ihnen werden davon gehört bzw. gelesen haben. Es ist nicht sicher, ob dieses Experiment je wirklich stattgefunden hat oder, was das Bessere wäre, ob es sich nur um eine intelligente Legende handelt. Demnach habe der Stauferkaiser Friedrich II. herausfinden wollen, welche die ursprüngliche Sprache der Menschheit gewesen sei. Nach damaliger Vorstellung wäre wohl Latein, Griechisch oder Hebräisch dafür in Frage gekommen. Also habe man, so die Geschichte, mehrere Säuglinge, Waisenkinder, isoliert und angeordnet, es solle ihnen jegliche Pflege zuteil werden, nur dürfe niemand mit ihnen ein Wort sprechen. Man war neugierig, welche Sprache die Kinder ohne äußere Beeinflussung von selbst zu sprechen anfangen würden. So könnte sich vielleicht die Sprache zeigen, die der Menschheit gewissermaßen vor der babylonischen Sprachverwirrung in die Wiege gelegt worden sei. Die so für „wissenschaftliche“ Zwecke funktionalisierten Säuglinge (vergleichbar den Embryonen, die heutzutage für Forschungszwecke „verbraucht“ werden) haben freilich weder Latein, noch Griechisch, noch Hebräisch zu reden angefangen (nicht einmal Sächsisch), sondern sie sind trotz guter Pflege und hinreichender Ernährung noch vor Vollendung des ersten Lebensjahres gestorben. Die Pointe der Geschichte, gleichgültig ob historisch oder legendär, ist eindeutig: Ohne Kommunikation stirbt der Mensch.
Psychisch Kranke und stark traumatisierte Personen erscheinen oft als so etwas wie die lebendig Toten unter uns. Die verletzte Seele schreit – Paradox der Psyche – nach innen und verstummt nach außen. Meistens sind es extreme Gewalterfahrungen, die zu solcherart Selbstentfremdung führen. Den Verschonten offenbart das Leiden der Opfer den pathologischen Charakter der Gewalt, und Gewalt bleibt auch dann pathologisch, wenn sie mit einer politisch-ideologischen Tünche überstrichen worden ist.
Gewaltopfer sind freilich keine Roboter, die man durch technische Manipulation oder ein paar aufmunternde Sprüche wieder in Betrieb setzen könnte. Die Gesellschaft, die Familie, das Umfeld spüren das und ziehen sich - oft genug verstört und überfordert - von den Leidenden zurück. Sprachlosigkeit und Einsamkeit sind die Folgen – für Ausländer noch verstärkt durch eingeschränkte Gelegenheiten, sich in der Muttersprache artikulieren zu können, bzw. die Belastung, sich in oft nur rudimentär beherrschtem Deutsch ausdrücken zu müssen. Durch meine Mitwirkung in der Thüringer Härtefallkommission hat sich bei mir der Eindruck verstärkt, dass es doch mehr Asylbewerber und Immigranten gibt, die psychologischer oder psychotherapeutischer oder psychiatrischer Hilfe bedürfen, als man auf den ersten Blick geneigt ist anzunehmen. „Wenn ich nicht meine Kinder hätte, würde ich meinem Leben ein Ende setzen.“ Solche Sätze, von Ausländern (Ausländerinnen) gesprochen, fallen auch gelegentlich in meinem Büro, obwohl die Beratungsgespräche beim Ausländerbeauftragten naturgemäß keinen psychotherapeutischen Charakter haben können. Und auch wenn man davon ausgehen kann, dass angekündigte Suizide eher selten ausgeführt werden - sie haben doch Signalcharakter: „Der Sinnlosigkeitsverdacht hat sich wie eine finstere Wolke auf mein Leben gelegt und der Nihilismus ist im Begriff, nach dem Kern meiner Person zu greifen. Wer steht zu mir in dieser meiner Lage?“ So etwa könnte das Signal eines angekündigten Suizids gedeutet werden. Die Betroffenen spüren deutlich die Wahrheit des bekannten Diktums: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen“ (afrikanisches Sprichwort).
Von einem quälenden Sinnlosigkeitsverdacht ihres Lebens können auch Immigranten befallen werden, die sich, ohne tatsächlich verfolgt worden zu sein, von der „Fata Morgana der Schaufensterverheißungen“ (Joseph Ratzinger) Westeuropas bzw. Deutschlands haben anziehen lassen und nun, in einem bundesdeutschen Asylheim angekommen, von der Realität bedrängt und enttäuscht werden: Arbeitslosigkeit, Sachleistungsversorgung, soziale Isolation, Rollenverlust, Verwahrlosungsgefahr. Solche Personen sind zwar nur in einem eingeschränkten Sinne als Opfer zu betrachten. Sie zu viktimisieren könnte heißen, sie zu entmündigen. Und ich verkenne keineswegs, dass Krankheiten (oder vermeintliche Krankheiten) und psychische Leiden von einzelnen Ausländern auch als Mittel zur Erreichung aufenthaltsrechtlicher Ziele eingesetzt werden. Trotzdem trete ich unbeirrt dafür ein, dass bei allen Beteiligten, vor allem bei Politikern und Behörden, die Hermeneutik des Verdachts von einer Hermeneutik des Augenmaßes abgelöst wird. Und Augenmaß erwirbt man bekanntlich durch genaues Hinschauen; letztendlich durch Lebenserfahrung, die allerdings stets neu mittels Sachkenntnis und Fortbildung in Frage gestellt und reflektiert werden muss. Zum Ethos von Helfern und Behörden sollte auch die Bereitschaft gehören, eigene Eindrücke und einmal getroffene Einschätzungen zu revidieren, wenn objektivierbare Fakten erkennbar werden.
Meine Damen und Herren, wenn Psychotherapie und psychosoziale Beratung angemessen auf die oben beschriebene Lage reagieren wollen, müssen sie sich auch mit sich selbst beschäftigen. Sie müssen ihre eigenen Voraussetzungen und Methoden, ihre Weltanschauung und ihr Menschenbild, ja sogar ihren politischen Standort ins Auge fassen und kritisch reflektieren. Ohne philosophische Anthropologie, ohne eine Selbstverständigung über Würde, Sinn und Ziel menschlichen Daseins kann es keine hilfreiche Psychologie geben. Eine Fachtagung wie diese bietet Gelegenheit dazu, und ich würde mir wünschen, dass diese Gelegenheit engagiert ergriffen wird.
Lassen Sie mich dazu noch einen kleinen Impuls geben!
In helfenden Berufen erwirbt man rasch Autorität – wenn nicht bei den Kollegen, dann wenigstens den Klienten und Patienten gegenüber. Das weiß jeder, der einmal im Krankenhaus gelegen und die Hierarchie einer Chefarztvisite erlebt und den medizinischen Fachjargon genossen hat. Autorität bedeutet Macht. Macht ist nichts Schlechtes. Sie ist Voraussetzung, um etwas machen zu können. Aber Autorität setzt Abstand voraus. Autorität beruht auf dem Verhältnis eines in personaler, struktureller oder funktionaler Hinsicht Stärkeren einem in eben dieser Hinsicht Schwächeren gegenüber. Zur Lauterkeitsprüfung helfender Berufe gehört bekanntlich die Frage, ob man nicht ihrer Urversuchung, dem machtbefriedigenden und die eigene Bedeutung unterstreichenden Helfersyndrom, erlegen ist. Aber darauf will ich gar nicht hinaus.
Der Philosoph Hans Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“) hat einmal den Sachverhalt der Autorität einer Analyse unterzogen. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich zwei Formen von Autorität. Da ist zunächst die Autorität des Machthabers, die ich schon angedeutet habe. Der Machthaber übt seine Autorität aus der Position der Stärke heraus aus. Er nutzt den Abstand, der zwischen ihm und dem Unterstellten, dem Schwächeren besteht, für seine Ziele aus; was über den positiven oder negativen Charakter der Ziele nichts besagt. Der mit der Autorität des Machthabers Ausgestattete ist normalerweise bestrebt, diesen Abstand aufrecht zu erhalten, ihn einzusetzen, ihn im Extremfall sogar zu vergrößern, um seine Autorität nicht in Frage stellen zu lassen, ja sie zu festigen. Er benötigt den Vorsprung, um etwas durchsetzen zu können, was ja durchaus vernünftig und notwendig sein kann. Die dazu gehörige Kommunikation ist das Sprechen von oben nach unten. Ich nenne sie Gefällekommunikation, die durchaus subtil und höflich daherkommen kann (ich arbeite, wie Sie wissen, in einem Ministerium) und doch nichts desto weniger Gefällekommunikation ist, die aber auch als direkte Anweisung, als Befehl, oder „Belehrung“ in Erscheinung tritt.
Davon unterscheidet Hans Georg Gadamer – zunächst durchaus überraschend - die Autorität des Lehrers. Während die Autorität des Machthabers auf dem Abstand zwischen oben und unten beruht und ihn festigt, ist die Autorität des Lehrers darauf ausgerichtet, diesen Abstand, den Abstand zwischen dem Schüler und ihm selbst, zu verringern, ja tendenziell aufzuheben. Der Lehrer ist bestrebt, den Schüler gewissermaßen zu sich, auf sein Niveau emporzuziehen, indem er ihn an seinem Wissen teilhaben lässt. Die Autorität des Lehrers zielt auf die Stärkung des Schülers unter Verlust des eigenen Vorsprungs. Diesen Verlust nimmt er nicht nur in Kauf, sondern er beabsichtigt ihn. Die Autorität des Lehrers gibt sich also tendenziell auf, wird tendenziell klein und schwach, um den Schüler stark und groß zu machen. Lassen wir es einmal dahin gestellt sein, ob wir solche Lehrer erlebt haben, oder ob uns nicht die Karikatur des Oberlehrers mit Zeigefinger oder Zeigestock stärker geprägt hat!
Der Idee nach, im philosophischen Sinne, trifft m. E. die Autoritätsanalyse Gadamers durchaus den Kern des Sachverhalts. Für unsere Betrachtung folgt daraus: Helferinnen und Helfer sollten sich die so verstandene Autorität des Lehrers zu Eigen machen. Helfer und Helferinnen, die Schwache stark machen wollen, müssen den Abstand zwischen sich und ihren Klienten zu verringern suchen, ja bereit sein, ihn tendenziell aufzuheben. Dazu müssten sie fähig werden, ihren Vorsprung, ihre scheinbare Stärke aufzugeben, um ihre Klienten aufleben zu lassen. Gewalt hat sie erniedrigt und klein zu machen versucht. Solidarität muss sie wieder aufrichten und groß machen. Das erfordert mehr als nur psychologische Fachkenntnisse im Sinne eines „technical know how“. Wer eine traumatisierte Person heilen, einen Therapieprozess erfolgreich begleiten will, wird nicht weniger als sich selbst mit der solidarischen Kraft seiner Persönlichkeit in diesen Prozess einbringen müssen. Andernfalls könnte es ihm passieren, lediglich als die Personifikation weit verbreiteter Ratgeberliteratur wahrgenommen zu werden. Als Konsequenz für den Kommunikationsprozess fällt mir eine Forderung des emeritierten Bischofs von Limburg Franz Kamphaus ein, die er nicht nur für therapeutische Prozesse aufgestellt hat: Es müsse mehr, denen zugehört werden, „die wenig zu sagen aber viel zu erzählen haben“. Und da ich diese Aussage keineswegs ironisch verstanden haben will, scheue ich mich nicht, sie mit Blick auf ausländische Flüchtlinge und Migranten noch einmal zu wiederholen: Es geht darum, denen zuzuhören, die im Sinne von Autorität wenig zu sagen, aber über ihr Leben viel zu erzählen haben.
Ich wünsche uns eine gute Fachtagung und dem psychosozialen Zentrum eine erfolgreiche Arbeit.