Freistaat Thüringen Freistaat Thüringen - Ausländerbeauftragte der Thüringer Landesregierung

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Grußwort zur Ausstellungseröffnung

Eröffnung der Ausstellung „anders? – cool!“

11. Dezember 2006 in Jena

Vor einigen Jahren wurde von meinem Amt eine Studie über die Situation ausländischer Studenten in Thüringen herausgegeben. Erforscht werden sollte - durch Interviews, Verhaltensanalysen und Statistiken -, wie ausländische Studenten in Thüringen leben, wie sie sich hier fühlen, mit welchen Erwartungen sie gekommen sind, wie sich ihre Kontakte zu den Mitstudenten gestalten, wie ihr Alltag aussieht, wie sie Thüringen und die Thüringer Bevölkerung erleben – gewissermaßen nach dem Motto, na, wie ist es euch denn in diesem Land, mit diesen Leuten, in diesen Verhältnissen? Die Autoren gaben der Studie den Titel „Legt euch in den Kühlschrank, dann wisst ihr, wie es hier ist.“

Thüringen ein Kühlschrank? Damit war zunächst ganz banal das Wetter gemeint. Denn geschrieben hatte die Aufforderung „Legt euch in den Kühlschrank …“ ein afrikanischer Student an seine Familie in der Heimat. Vermutlich war der Student zum Wintersemester aus Afrika angereist und hatte offenbar nicht einen so untypisch milden Herbst erlebt, wie er uns in diesem Jahr beschert wurde. Aber der Buchtitel war durchaus doppelbödig gemeint. Denn im Kern brachte die Studie als Erfahrung ausländischer Studenten zum Vorschein: Auf dem Uni-Campus – o. k. da geht es schon. Aber in der Gesellschaft außerhalb, in der Stadt, bei der Bevölkerung und auch bei Behörden da fühlen wir uns doch fremd. Da spüren wir so manche Distanziertheit. Kühle eben. Da ist es cool.

Cool? Trotz meiner 58 Jahre weiß ich natürlich, dass „cool“ in der Sprache der Jugendlichen so ziemlich das Gegenteil dessen meint, was ich eben angesprochen habe. (Und es hätte mich keineswegs verblüfft, wenn das Motto der Ausstellung „anders? – geil!“ geheißen hätte – mich jedoch womöglich zu ganz anderen Assoziationen angestiftet). „Anders? - cool!“ das drückt Zustimmung aus, auch Bewunderung, Nähe, Akzeptanz. Wer einen anderen „cool“ findet wird gern eine Brücke zu ihm schlagen.

Aber machen wir uns nichts vor! Fremdheit, Ungewohntes, Unbekanntes und Unbekannte wecken nicht immer gleich das, was sie wecken sollten – Neugier nämlich und Anteilnahme. Sie wecken auch Ablehnung, Vorbehalte, sogar Ängste. Gar zu viele, leider auch junge Leute haben sich schon in saturierter Bürgerlichkeit eingerichtet – alle Anwesenden freilich ausgeschlossen. Neugier, die so lebenswichtige, wird auf den Urlaub vertagt: Das Exotische mit Fremdenführer! Ausländer sollten doch lieber unter sich heiraten. Dieser Aussage stimmt laut Thüringen Monitor ein nicht geringer Prozentsatz der Thüringer zu. Zur Ehrenrettung der Jugend sei gesagt: Es sind vorwiegend die Älteren, die das sagen.

Meine Damen und Herren, in meinem Beruf als Ausländerbeauftragter schwingt stets ein Zauberwort durch alle Räume: Integration. Und da denken wir zuerst an die Leistungen, die Migranten erbringen müssen, um sich in die Gesellschaft einzugliedern - Leistungen, die wir, die Aufnahmegesellschaft, ihnen abverlangen müssen zu ihrem und unserem gemeinsamen Wohl: Die deutsche Sprache lernen, sich für einen hoch ausdifferenzierten, anspruchsvollen Arbeitsmarkt fit machen, die Spielregeln des Zusammenlebens in einer ziemlich durchorganisierten Gesellschaft kennen und anwenden lernen, mit der drögen Bürokratie fertig werden (auch das können wir niemandem ersparen), Freunde finden, am öffentlichen, politischen Leben teilnehmen … Integration heißt, von Migranten erhebliche Anpassungsleistungen zu verlangen, ob man es nun wahrhaben will oder nicht.

Integration heißt aber auch, dass den Migranten dabei geholfen wird. Ich bin dankbar, dass hier im Migrationsdienst der AWO engagierte Leute tätig sind, die wissen, was gehauen und gestochen ist, denen das Lebensgefühl und die Interessen junger Leute vertraut sind und die die Probleme jugendlicher Migranten kennen. Jugendmigrationsdienst als Partner junger Leute, offen für ihre Anliegen, Fragen und Nöte! Jugendmigrationsdienst als ein Stück Lebensbegleitung. Eine Herausforderung, aber eine wertvolle!

Die wichtigste Hilfe freilich ist die Akzeptanz. Ich bezeichne sie als die Rückseite der Münze der Integration. Alle Integrationsanstrengungen laufen ins Leere, wenn sie nicht einmünden in die Akzeptanz der Migranten durch die Aufnahmegesellschaft.

„Anders? – cool!“ heißt die Ausstellung, zu deren Eröffnung wir zusammengekommen sind. In „anders? – cool!“ steckt ein Imperativ verborgen. Er lautet: Akzeptiere mich so, wie ich bin! Sei neugierig! Alles gleich ist alles gleich langweilig. Verschieden sind wir alle, das macht unsere Individualität aus. Irgendwie gleich sind wir auch alle, das macht unsere gemeinsame Menschenwürde aus. Lass uns einander zuhören! sagt der Imperativ, aber auch streiten, friedlich, versteht sich, miteinander die das Leben entdecken, und wenn es sein muss, füreinander einstehen!

Erklären muss man die Ausstellung, die wir heute eröffnen, nicht; sich von ihrem Imperativ herausfordern lassen, das schon. Und genau das wünsche ich uns und allen Besuchern.