Freistaat Thüringen Freistaat Thüringen - Ausländerbeauftragte der Thüringer Landesregierung

Inhalt

Grußwort

Ausstellungseröffnung mit Werken von Michael Markowitsch Balan

11.Mai 2006 in der Galerie "feine art", Erfurt, Magdeburger Allee 143

Sehr geehrter Herr Michael Markowitsch Balan,
lieber Herr Minister a. D. Willibald Böck,
meine Damen und Herren,

lassen Sie mich zunächst ganz schlicht und persönlich sagen: Ich freue mich, dass ich heute hier sein darf. Ich freue mich, dass Sie, Herr Böck, als Galerist und Sie, Herr Balan, als Künstler zu einander gefunden haben, dass diese Ausstellung hier in Erfurt zustande gekommen ist und dass sie heute eröffnet werden kann. Und ich freue mich ganz besonders darüber, dass wir Sie, Herr Balan, seit 1999 hier bei uns in Thüringen haben. Ich hoffe, dass Sie sich in Erfurt wohlfühlen.

Sie haben Ihre Kindheit und Jugend, ihr Studium und viele Jahre Ihres künstlerischen Wirkens in der Sowjetunion, resp. in Russland und Moldawien verbracht. Seit nunmehr sieben Jahren leben Sie hier unter uns, und ich darf Sie sozusagen als Wahl-Thüringer ansprechen. Ihre Werke sind längst international verbreitet. Für unser Land ist Ihr Hiersein eine Ehre, und Ihre Arbeiten sind für die kulturelle Landschaft Thüringens eine Bereicherung. Sie haben schon in anderen Thüringer Städten ausgestellt. Es ist hoch erfreulich, dass wir einen Ausschnitt aus Ihrem Schaffen nun hier in Erfurt zu sehen bekommen.

Meine Damen und Herren, so sehr ich es liebe, durch Galerien Alter und Neuer Meister zu gehen und mich auch durch Werke der Gegenwartskunst ansprechen zu lassen, so wenig bin ich doch ein Kunstsachverständiger. Als Herr Böck mich bat, ein Grußwort zu sprechen, war das gewiss keine schlechte Idee, nur muss ich schon daran erinnern: Auch für den Ausländerbeauftragten gilt, dass der Schuster bei seinen Leisten zu bleiben habe. Ich habe nämlich nicht Totologie studiert, jene - vor allem bei Politikern beliebte Disziplin, – mit der man die Fähigkeit erwirbt, ohne Bescheidenheit und Sachkenntnis über nicht weniger als alles zu reden, also ggf. auch über das Oeuvre von Michael Markowitsch Balan. Nein, sage ich! Dafür ist mir künstlerisches Schaffen zu kostbar.

Was kann ich beisteuern?

Zu meinem Alltag als Ausländerbeauftragter gehört durchaus, es mit einer gewissen "Hermeneutik" zu tun zu haben, also mit Fragen des Verstehens.

Immigranten haben bekanntlich nicht nur Ländergrenzen überschritten, sondern auch kulturelle, insbesondere sprachliche Demarkationslinien. Sprache ist ja erklärtermaßen die Basis der menschlichen Kommunikation. Sie ist das in ihrer Doppelfunktion als Ausdruck (also als Kunst) und als Mitteilung (also als Nachricht). Doch hier ergibt sich ein Problem. Die Sprache, die uns miteinander verbinden soll, grenzt uns oft genug voneinander ab. Die Worte werden zu bloßen Wortgeräuschen für denjenigen, der die Vokabeln und die Grammatik nicht versteht.

Aber Vokabeln und Grammatik genügen nicht. Das „Wunder des Verstehens“ von dem der Philosoph Hans Georg Gadamer spricht, ereignet sich erst wirklich, wenn hinter den Worten gewissermaßen die „Musik“, die in den Worten zum Klingen kommt, und in deren Klang der Mensch wahrgenommen wird, der in den Worten nicht nur etwas sagt, sondern immer auch sich selbst mitteilt – sich gewissermaßen offenbart.

Ähnliches geschieht nach meinem Verständnis in der Bildenden Kunst. Bilder haben allerdings den Vorteil, dass man weder Grammatik noch Vokabeln lernen muss, um zu ihnen einen Zugang zu finden. Formen und Farben sind grundsätzlich international. Bilder sind grenzüberschreitend. Sie benötigen manchmal Hinführung, das ja, aber sie benötigen keinen Übersetzungsprozess.

Sie benötigen lediglich Menschen, die sich mit ihrer Intuition, mit Herz und Verstand, auf sie einlassen. Sie benötigen Menschen, die sehen können.

Hier liegt nun freilich ein ganz anderes Problem. Wir leben in einer Zeit der allabendlichen Bilderflut, und in der Flut der bewegten Bilder haben Viele das Sehen verlernt. Man muss die bewegten Bilder anhalten und vor den unbewegten Bildern innehalten, um wieder sehen zu lernen. Galerien wie diese, in der wir zu Gast sein dürfen, sind auch Lehrorte – Lehrorte des Sehens. Ich bin mir nicht sicher, ob sie schon als solche hinreichend entdeckt worden sind. Lehrorte des Sehens zwingen zum Innehalten, und – um eine Nebenbemerkung zu machen - der politischen Dauererregung täte kaum etwas weniger not als das.

Künstler, das ist meine Überzeugung, haben einen unmittelbaren, individuellen Zugang zum Geheimnis des Daseins. Kunstrezeption bedeutet für mich die Vergünstigung, daran teilhaben zu dürfen. Oft genug nehmen wir ja nur die Oberfläche der Dinge wahr, die "Fata Morgana der Schaufensterverheißungen", wie Joseph Ratzinger es einmal ausgedrückt hat.

Künstler haben ein Recht, ja geradezu die Pflicht, uns die Welt nicht zu zeigen, wie sie zu sein scheint, sondern wie sie als Künstler sie sehen. Ich glaube, auch heute noch - oder heute wieder - geht es darum, gewissermaßen das Lied vernehmbar zu machen, das in den Dingen schläft. Wer es mit den Mitteln der Malerei aufweckt, zeigt nicht nur etwas, er zeigt nicht nur Sujets, sondern er zeigt immer auch sich selbst. Und damit lehrt er uns sehen. Das wiederum ist die Voraussetzung, dass sich zwischen Künstler und Betrachter jene Interaktion einstellt, in der sich das oben erwähnte "Wunder des Verstehens" ereignen kann.

Ich wünsche, dass diese Ausstellung viele Besucher anzieht. Ich wünsche, dass es Vielen gelingt, innezuhalten und neu sehen zu lernen. Und ich wünsche, dass möglichst Viele hinter den Sujets, den Formen und den Farben, die "Musik" und in ihrem Klang den Menschen wahrnehmen, der uns seine Sicht der Welt zeigt. Die humane Tiefenwirkung der Kunst und zugleich ihre völkerverbindende Kraft liegen für mich in diesem "Wunder des Verstehens", das heute in unserer zusammenrückenden Welt geradezu überlebenswichtig geworden ist.