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Grußwort
anlässlich der Feier des Vietnam-Vereins Erfurt-Thüringen zum 60. Nationalfeiertag Vietnams
am 3. September 2005, 14 Uhr in Erfurt, an der Lache 39
Zunächst ein herzliches Danke schön dafür, dass Sie mich zu Ihrem hohen Fest, das Sie aus Anlass des 60. Jahrestages der Gründung der Sozialistischen Republik Vietnam feiern, eingeladen haben. Ich freue mich, bei dieser Gelegenheit unter Ihnen zu sein.
Meine ersten Kontakte zur Gruppe der Vietnamesen in Thüringen reichen inzwischen fast 20 Jahre zurück. Sie waren besonders intensiv in den Jahren 1988 – 1990, in denen ich vietnamesischen Vertragsabeitern – jungen Männern und Frauen – Deutschunterricht erteilen durfte. Schon damals haben wir nicht nur zusammen gelernt und gearbeitet, wir haben auch Feste gefeiert. Und ich durfte erfahren: Vietnamesen verstehen zu feiern (und sie verstehen zu kochen). Und mich hat durchaus beeindruckt, dass Sie – aber wie könnte es auch anders sein – ihr Herkunftsland – die Landschaft, die Sprache, die Kultur und manche auch die Religion Vietnams lieben.
Um die 60.000 Vietnamesen hielten sich damals in der DDR zur Arbeit in den staatlichen Betrieben auf – oft isoliert von der DDR-Bevölkerung. Heute bilden die Vietnamesen in Thüringen mit rund 3.500 Personen immer noch die größte ethnische Gruppe unter den ca. 35.000 Ausländern.
Nach dem Zusammenbruch der DDR hat es die Politik den Vietnamesen nicht leicht gemacht, in der Bundesrepublik Deutschland Fuß zu fassen. Viele sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Andere – und dazu gehören wohl die meisten von Ihnen – haben es durch Fleiß, Kreativität, Ausdauer und Zähigkeit geschafft, sich hier eine neue Existenz zu bauen. Einige sind sogar zu Brückenbauern zwischen der deutschen und der vietnamesischen Wirtschaft geworden.
Besonders erfreulich finde ich, dass in den zurückliegenden Jahren hier in Thüringen zahlreiche vietnamesische Familien gegründet und viele Kinder geboren wurden.
Der Vietnam-Verein unter seinem Vorsitzenden Herrn Bo, den ich einmal besonders dankend erwähnen möchte, leistet aus meiner Sicht gute Arbeit. Er stärkt unter den hier lebenden Vietnamesen das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Er fördert die Solidarität untereinander. Er hilft ihnen, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Aber er fördert auch unter vietnamesischen Kindern und Jugendlichen das zwanglose Miteinander mit ihren deutschen Altersgenossen. Ich denke da vor allem an den vom Verein betriebenen Jugendclub mit der Bibliothek deutscher und vietnamesischer Bücher. Ich halte das für ein wichtiges Beispiel der Integration und der Begegnung von Deutschen und Vietnamesen und wünschte mir, dass der Club vor allem von deutscher Seite noch stärker genutzt würde.
Aber auch das Land Thüringen war nicht untätig. Ich erinnere an den muttersprachlichen Ergänzungsunterricht für vietnamesische Schüler hier in Erfurt oder an die Projekte, die die vietnamesische Beratungsstelle beim Evangelischen Kirchenkreis betreibt, wo es zum Beispiel um die Alltagsprobleme vietnamesischer Frauen geht. Das alles zeigt: die vietnamesischstämmige Bevölkerung ist längst ein integrierter Teil der Thüringer Bevölkerung.
Meine Damen und Herren,
als ehemaliger DDR-Bürger habe ich mit vielen der damals hier lebenden Vietnamesen (also auch mit vielen von Ihnen) eine Revolution und anschließend einen gesellschaftlichen Transformationsprozess erlebt und auf bescheidene Weise mitgestaltet. Es war ein schwieriger Prozess, bei dem sich Einzelne auch als Verlierer empfinden. Aber eines ist mir dabei zur unumstößlichen Gewissheit geworden: Eine gedeihliche Zukunft in einer menschenfreundlichen Gesellschaft kann nur gelingen, wenn wirtschaftliche Freiheit, funktionierende demokratische Institutionen, bürgerschaftliches Engagement und eine Kultur der Toleranz und der Menschenrechte eine Einheit bilden. Lassen Sie mich Ihnen in diesem Sinne für das Land, dem Sie durch Herkunft, Sprache, Familienbande und Kultur besonders verbunden sind, genau dieses wünschen: eine gedeihliche Zukunft für Vietnam!