Freistaat Thüringen Freistaat Thüringen - Ausländerbeauftragte der Thüringer Landesregierung

Inhalt

Grußwort

zum 7. Tag der deutsch-ausländischen Gesellschaften

am 6. November 2004 in Erfurt

Als Kind habe ich manchmal mit Freunden in einer stillgelegten Sandabbaugrube gespielt. War nicht ganz ungefährlich, aber das macht bekanntlich den Reiz der Sache aus. Da gab es die vergessene Lore einer alten Schmalspurbahn auf vergessenen Schienen. Unser Ehrgeiz bestand darin, die ziemlich schwere Lore ins Rollen zu bringen. Gelang das, rollte die Lore eine ziemlich lange Strecke wie von selbst. Man musste dann nur noch draufspringen. Der Trieb, etwas in Bewegung zu setzen, folgt wohl einer tief eingewurzelten archetypischen Veranlagung. Wenn etwas ins Rollen gekommen ist, freut man sich. Und wenn man dann noch mitfahren darf, um so mehr.

Zum siebenten Mal treffen sich Mitglieder, Freunde und Sympathisanten der in Thüringen aktiven deutsch-ausländischen Gesellschaften zu einer gemeinsamen Veranstaltung. Ein, so weit ich sehe, bundesweit einmaliges Geschehen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mich freue, dass das, was wir gemeinsam im Jahre 1998 hier in Thüringen angestoßen haben, ins Rollen gekommen ist. Ich freue mich, dass es auch in diesem Jahr gelungen ist, eine solche Veranstaltung zu organisieren – von der Europa-Union (mit ihrer Vizepräsidentin Ulla Kalbfleisch-Kottsieper an der Spitze) und den in der Begegnungsstätte „Kleine Synagoge“ Erfurt zusammengeschlossenen Freundschaftsgesellschaften ausgerichtet, von meinem Amt behutsam gefördert, vom ehrenamtlichen Engagement aller Beteiligten getragen. Ich grüße die alten Kämpfer und die neuen Mitstreiter. Ich danke Ihnen, dass Sie sich der Sache annehmen.

Was ist die Sache?

Die Sache, die die in Thüringen aktiven deutsch-ausländischen Gesellschaften und ähnlichen Vereinen gemeinsam umtreibt, ist zunächst gar nicht so einfach zu beschreiben. Schließlich hat jede Gruppierung ihr eigenes Profil. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass sich die Aktivitäten der meisten Gruppen auf je ein anderes Partnerland beziehen. Aber auch in der Art der Aktivitäten gibt es erhebliche Unterschiede. Während es sich die einen zur Aufgabe machen, die Sprache und Kultur ihres Partnerlandes zu vermitteln, beschäftigen sich andere mehr mit dem, was wir Entwicklungszusammenarbeit nennen. Wieder andere bemühen sich um Schüleraustausche wie die deutsch-amerikanische Gesellschaft oder sie richten wie im Falle der Europa-Union ihre Anstrengung darauf, den wirtschaftlichen und politischen Einigungsprozess der Länder Europas kritisch zu begleiten und den Gedanken der Einheit Europas tiefer in der Gesellschaft zu verankern. Das je spezifische Profil macht ja den eigentlichen Reiz der Sache aus. Reizvoll ist es aber auch, diese unterschiedlichen Ansätze gelegentlich zusammenzuführen. Die unterschiedlichen Methoden der Annäherungen an ein Partnerland auf einer gemeinsamen Veranstaltung Revue passieren zu lassen – das war einer der Gedanken, die zur Tradition des Tages der deutsch-ausländischen Gesellschaften geführt haben. Ein anderer, diejenigen, die in Thüringen Ähnliches auf unterschiedliche Weise tun, untereinander zu vernetzen.

Jedoch bei aller Pluralität der Inhalte und Methoden scheint es doch ein paar Gemeinsamkeiten zu geben, die dem Engagement der einzelnen Gruppen zugrunde liegen. Sie alle versuchen, die Selbstgenügsamkeit der eigenen Provinz aufzubrechen. Sie versuchen, ein Stück die Welt nach Thüringen zu holen, wie es im Motto dieser Veranstaltung heißt. Sie fühlen sich größeren Horizonten verpflichtet. Sie haben entdeckt, dass das Leben enorm farbiger wird, wenn man sich auf die Musik, die Tänze, die Speisen, die Literatur, die bildende Kunst anderer Länder einlässt. Sie haben entdeckt, dass das Leben spannender wird, wenn man die sozialen und politischen Probleme anderer Länder an sich herankommen lässt; und dass damit oft die eigenen Probleme relativiert, will sagen, in ihrer wahren Größenordnung wahrgenommen werden. Sie haben entdeckt, dass das Leben wertvoller wird, wenn man es in Beziehung setzt zu den Lebensstilen und Alltagsphilosophien, die anderswo gang und gäbe sind. Das alles setzt Begeisterungsfähigkeit für andere Länder und Kulturen voraus, ohne ihnen gegenüber unkritisch zu werden. Wenn sich Begeisterungs- und Kritikfähigkeit ergänzen, entsteht ein sehr lebenstauglicher Realismus. Kurzum, Sie haben entdeckt, was sinnvolles Leben bedeutet.

Diejenigen, die so etwas entdeckt haben, drängt es gewöhnlich, sich mit anderen zusammenzuschließen und anderen davon mitzuteilen. Prof. Eberhard Eichenhofer hat einmal auf einer Veranstaltung meines Amtes den Begriff der „Sozialpflichtigkeit des Wissens“ geprägt. In Abwandlung dieses Gedankens könnte man sagen: In deutsch-ausländischen Gesellschaften existiert - zumindest als Grundwasserspiegel - ein Ethos der „Sozialpflichtigkeit der eigenen interkulturellen Begeisterung und Erfahrung“.

Was sie haben, haben sie nicht für sich. Mit ihrem Engagement leisten die Mitglieder der verschiedenen deutsch-ausländischen Gesellschaften dem gesellschaftlichen Klima im Land Thüringen einen unschätzbaren Dienst. Sie tun das freiwillig und unentgeltlich. Dass es gemessen an der Fülle der Aufgaben, denen man sich widmen könnte, und an der Vielzahl der kulturellen und sozialen Entdeckungen, die es zu machen gäbe, in Thüringen noch immer zu wenige sind, die sich vom Engagement der deutsch-ausländischen Gesellschaften anstecken lassen, wissen wir alle. Diese Tatsache und der Wunsch, sie zu ändern, ist ebenfalls ein Impuls gewesen, den Tag der deutsch-ausländischen Gesellschaften einzuführen. Deshalb hatten diese Tage in den vergangenen Jahren wechselweise unterschiedlichen Charakter. Das eine Mal steht mehr der Gedankenaustausch und die Reflexion aktueller Themen im Vordergrund – und der Tag hat mehr Konferenzcharakter so wie heute. Das andere Mal wird mit Musik, Tanz, Theater, Verkostungen, Filmen usw. versucht, in einer breiteren Öffentlichkeit gewissermaßen Geschmack am Anliegen der deutsch-ausländischen Gesellschaften zu vermitteln – und der Tag hat mehr Festival- oder Volksfestcharakter. Kritik und Zustimmung erfuhren und erfahren beide Modelle. Nach wie vor glaube ich, dass beide Anliegen, zu feiern und sich dem Nachdenken zu widmen, ihre Berechtigung haben.

Wenn den Menschen etwas vom Tier unterscheidet, dann weniger die Fähigkeit zu arbeiten, das kann auch ein Pferd, sondern die Fähigkeit zu feiern. Daran muss man in Deutschland gelegentlich – und angesichts der gegenwärtigen Diskussion um den dritten Oktober aus gegebenem Anlass – erinnern. Ich bin sehr dafür, dass Feste - auch die von deutsch-ausländischen Gesellschaften arrangierten - einer benennbaren, einer wertvollen kulturellen Idee folgen. Ich bin sehr dafür, dass Feste historisch, politisch, biographisch oder religiös gefüllt sind, um wirklich als Feste zu gelten. Nicht von jeder Frühlings-, Sommer-, Blüten-, und Bratwurstparty lässt sich das sagen. Aber wo sie es sind, dürfen Feste nicht in die Hände von Buchhaltern fallen. Das kann Deutschland, das können deutsche Politiker von anderen Ländern lernen. Vielleicht können deutsch-ausländische Gesellschaften immer mal vermitteln, wie anderswo Nationalfeiertage begangen werden.

Meine Damen und Herren,

die Vorbereitungsgruppe hat zwei Themen auf die Tagesordnung gesetzt, in denen es erhebliche Überschneidungen zu den Aufgaben meines Amtes gibt. Ich schwöre tausend Eide, dass das nicht auf eine Manipulation des Ausländerbeauftragten zurückzuführen ist. Obwohl wir die Veranstaltung fördern, habe ich das Programm erst zur Kenntnis genommen, als es fertig war. Ich kann und will freilich nicht verhehlen, dass mich die Themenauswahl freut. Ich finde sie für einen Tag wie diesen durchaus passend. Die Gestaltung von Migrationsprozessen bleibt als Zukunftsthema ganz oben auf der Agenda. Einwanderung hat unsere Gesellschaft verändert und wird sie weiter verändern. Wenn man das in Thüringen noch zu wenig spürt, dann muss man zur Kenntnis nehmen, dass Thüringen zwar das grüne Herz aber eben nicht der Nabel der Bundesrepublik Deutschland ist. Und was die deutsch-ausländischen Gesellschaften betrifft, so sind ja oft auch Immigranten oder deren Nachkommen in diesen Gesellschaften aktiv. Und auch in deutsch-ausländischen Gesellschaften wird man reflektieren müssen, was es bedeutet, wenn ein Land wie Thüringen immer bevölkerungsärmer und die Bevölkerung gleichzeitig immer älter wird.

Dem Wort Einwanderungsland (in den Titeln der Referate ist vom Zuwanderungsland die Rede) würde ich allerdings ob seiner kaum geklärten Konnotationen gern einmal ein paar Jahre Denkpause verordnen. Würde man den Migrationssaldo zugrunde legen, müsste man Thüringen seit ein paar Jahren als Auswanderungsland bezeichnen.

Immerhin haben wir von Niklas Luhmann gelernt, dass wir die soziale Wirklichkeit in gewisser Weise erst konstruieren, wenn wir sie beschreiben. Die soziale Wirklichkeit steht nun einmal nicht objektiv, wie ein toter Erkenntnisgegenstand zur Verfügung. Wenn wir sie beschreiben, heben wir aus der unendlichen Komplexität des Wahrgenommenen durch Bezeichnung Relevantes hervor und lassen anderes im Hintergrund stehen. Dabei spielen Interessen eine Rolle. So entstehen Beschreibungen von Wirklichkeit, die ihrerseits die Voraussetzungen für das Handeln sozialer Akteure bilden. Denn Menschen und Organisationen handeln so, wie sie die Welt verstehen. Man kann noch einen Schritt weitergehen: Menschen behandeln die Welt so, wie sie es tun, weil sie diese so konstruiert haben. „Wirklichkeit“ sind die sozialen Konstruktionen in dem Maß, wie sie von Personen und Organisationen zum Ausgangspunkt ihrer Handlungen gemacht werden. Die soziologische Deskription erzeugt mitunter die Prozesse, die sie beschreibt (vgl. Albert-Peter Rethmann: Ausländerintegration in Deutschland. - in: Stimmen der Zeit, Heft 3/2000). Wer Deutschland als Einwanderungsland bezeichnet, muss sich damit auseinandersetzen, im In-, aber vor allem auch im Ausland Erwartungen zu wecken, die oft nicht gedeckt sind.

Das zu vertiefen, ist heute nicht meine Aufgabe, aber Sie sehen, ich bin gespannt auf die Reflexionen und Diskussionen des heutigen Vormittags und ich bin auch neugierig auf die die beispielhafte Vorstellung konkreter Projekte einiger Gesellschaften am Nachmittag. Schon jetzt möchte ich allen danken, die sich für den heutigen Tag engagiert haben. Noch einmal möchte ich jeden ermutigen, in seinem spezifischen Engagement in seinem Verein, in seiner Gesellschaft, in seiner Gruppe nicht nachzulassen.

Uns allen einen erkenntnisreichen Tag!