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Grußwort
Eröffnung der Fotoausstellung "Aussiedler und Ausländer im Ilm-Kreis"
28. September 2004 im Landratsamt Ilmenau
Meine Damen und Herren,
beim Besuch von Gemälde- oder Fotoausstellungen lasse ich mich gewöhnlich am intensivsten von Porträt-Darstellungen ansprechen. Vor Architektur-, Landschafts- oder abstrakten Bildern hört man nicht selten die Frage: Was ist das? Und die Antwort ist meist sachlicher, quasi technischer Natur. Spannender finde ich andere Fragen, Fragen, die sich nahelegen, wenn Momentaufnahmen von Menschen es erlauben, ihnen ins Gesicht zu schauen, dabei zu verweilen, ihnen in die Augen zu sehen und ohne dass es peinlich wird – Fragen wie: Wer bist du dort auf dem Bild oder wer warst du? Wie hast du gelebt oder wie lebst du? Was weißt oder was wußtest du? Wen und was hast du geliebt? Was hast du bewirkt? Worauf hattest du gehofft oder worauf ist deine Sehnsucht gerichtet?
Porträts sind geeignet, uns zu Philosophen zu machen.
Der wohl bedeutendste deutsche Philosoph am Beginn der Neuzeit, Immanuel Kant, hat alle denkbaren philosophischen Fragen auf vier Grundfragen zurückgeführt. In jeglicher Philosophie gehe es, so Kant, um die Fragen
„Was kann ich wissen?“
„Was darf ich hoffen?“
„Was soll ich tun?“
Die Frage „was kann ich wissen?“ eröffnet den Zugang zur Wissenschaft. „Was darf ich hoffen?“ führt in die Religion. Und „was soll ich tun?“ ist bekanntlich die Grundfrage der Ethik, in der es um unsere Verantwortung im privaten und politischen Handeln geht. Die drei Fragen lassen sich aber nach Kant aus einer einzigen herleiten. Sie lautet: „Was ist der Mensch?“ – die Grundfrage der philosophischen Anthropologie.
Immer ist es der Mensch, der fragt, was er wissen kann, was er hoffen darf und was er tun soll. Immer geht es um den Menschen – um sein Denken und Erkennen, um sein Hoffen, um sein Handeln. Man muss eine richtige Vorstellung vom Menschen haben, um - gegen verfremdende Ideologien – in die richtige Richtung denken, das Richtige erkennen, das Erhoffbare hoffen und das wahrhaft Humane tun zu können. Die Antwort auf die Frage nach dem Menschen hat private und und sie hat politische Folgen.
In der Europäischen Geistesgeschichte haben sich in zweieinhalb tausend Jahren im Kern zwei Konzeptionen vom Menschen herausgebildet, die sich noch heute der Diskussion stellen und einander widerstreiten. In der ersten wird der Mensch als Exemplar beschrieben. Wovon Exemplar? Als Exemplar der Gattung Mensch, hat der Einzelne in sich selbst, hat sein Ich kaum Bedeutung. In diesem Konzept kommt der Art gegenüber dem Individuum der höhere Rang und deshalb auch in jeder Hinsicht der Vorrang zu. Der Einzelne steht unter dem Gesetz des Allgemeinen, und er steht nicht in freier Entscheidung diesem gegenüber. Seine Freiheit besteht allein darin, sich unter dieses Gesetz zu stellen, sich dem Vorrang des Allgemeinen unterzuordnen.
Dieses Denkmuster hat Spielarten. Der Mensch kann als Exemplar von Vielerlei gedacht werden. Der Einzelne als Exemplar seines Stammes – und vor Augen stehen uns Stammesdisziplinen, aber auch Stammesrivalitäten bis hin zu „ sog. ethnischen Säuberungen“. Der Einzelne als Exemplar seiner Nation oder einer irgendwie konstruierten Rasse.– und vor Augen stehen uns Nationalismus und Rassismus, wie sie sich vor allem im Nationalsozialismus auf das menschenverachtendste entladen haben. (Darf man heutzutage von sächsischen Jungwählern noch erwarten, dass sie davon eine Ahnung haben?) Der Einzelne als Exemplar einer soziologisch definierten Klasse – und vor Augen steht uns das marxistisch-leninistische Konzept des Klassenkampfes, das ökonomisch gescheitert ist und politisch zur Diktatur des GULAG geführt hat, deren Grausamkeiten dem kollektiven Gedächtnis ganz besonders der Aussiedlerfamilien bis heute eingeschrieben sind. Und ganz aktuell: Der Mensch als Exemplar einer politisch interpretierten islamischen Umma – und vor Augen steht der islamistische Fundamentalismus, welcher einen Fanatismus freisetzen kann, der junge Menschen mittels Selbstmord zu Massenmördern werden lässt an denen, die ihrer Ideologie im Wege stehen.
Als Exemplar bemisst sich die Bedeutung des Menschen stets nach seinem Nutzen - nach dem Nutzen, den er für das Kollektiv hat, als dessen Exemplar er betrachtet wird. Nutzen und Wert sind aber ökonomische Kategorien. Als anthropologische Kategorien taugen sie nicht. Wer Menschen in die Augen schaut, vermag nicht nach ihrem wirtschaftlichen Wert zu fragen. Der Mensch hat nicht Wert, er hat Würde . Er definiert sich nicht von seinem Nutzen, sondern fragt nach dem Sinn - dem Sinn seines Lebens und dem Sinn des Weltganzen.
Und da bin ich beim zweiten, dem alternativen Konzept vom Menschen: der Mensch nicht als austauschbares Exemplar von etwas, sondern als unverwechselbare Person, die sich in Beziehung setzen kann zu allem, was sie umgibt, und zu jeder anderen Person, die ihr begegnet.
Es ist nicht zu übersehen, dass damit die jüdisch-christliche Traditionslinie ins Spiel kommt. Mit dem biblischen Satz „der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk 2,27) wurden schon vor rund zweitausend Jahren die Verhältnisse entschieden zurechtgerückt. Mit dem Satz vom Sabbat stehen wir bereits an der religiösen Wurzel der Jahrhunderte später in der Aufklärung zum Durchbruch kommenden Menschenrechtsidee. Jetzt wird auch politisch klar: Der einzelne Mensch ist Träger unveräußerlicher Rechte und kann als Ich, als Subjekt, nicht zum bloßen Mittel irgendwelcher noch so edel klingenden Zwecke gemacht werden. Gesellschaftliche Regeln, Ver- und Gebote haben dem Menschen zu dienen, seine Würde zu schützen, seine Freiheit zu sichern. Wird der Mensch in diesem Sinne als Person verstanden, rückt die Würde des Einzelnen ins Zentrum der Politik und des Rechts. Dass man außerhalb des westlichen, außerhalb des von Judentum, Christentum und europäischer Aufklärung geprägten Kulturraums durchaus Schwierigkeiten mit diesem Verständnis vom Menschen und der daran ausgerichteten Politik hat, sollten wir nüchtern zur Kenntnis nehmen. Verunsichern lassen sollten wir uns dadurch nicht. Integration von Immigranten bedeutet immer auch Integration in dieses das Individuum betonende Verständnis vom Menschen. Darauf sollten wir bestehen.
Personsein bedeutet jedoch nicht, sich als in sich ruhende, nach außen abgeschottete Monade zu verstehen. In der Personalität ist das dialogische Prinzip mitgegeben, in dem es nur nachrangig um Ich-Es, vorrangig aber um Ich-Du Beziehungen geht. Zu einem authentischen Ich entwickelt man sich nur in der Beziehung zu einem authentischen Du, nach jüdisch-christlichem Verständnis zu einem absoluten, transzendenten Du. Das hat eine erstaunliche, psychologisch nachweisbare Nebenwirkung: Personen sind für einander erheblich interessanter als Exemplare. Die nicht mehr ganz jungen Leute unter uns erinnern sich noch an den Typ des Funktionärs, der, wenn er den Mund aufmachte, den Eindruck hinterließ, hier spricht nicht ein unverwechselbares Ich, sondern ein Exemplar bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse spult ein Tonband mit vorgestanzten Formeln ab.
Eine ziemlich langweilige Angelegenheit!
Diese Ausstellung kann in unserem Gefühl bestärken, was wir im Verstand längst wissen: Jeder Mensch ist ein Ich - mit einem Namen, einem einmaligen Gesicht, einer individuellen Lebensgeschichte, einer persönlichen Hoffnung.
Eine ziemlich spannende Angelegenheit!
Aussiedler und Ausländer sind dann nicht mehr „die“ Aussiedler oder Ausländer und Thüringer nicht „die“ Thüringer. Niemand ist nur Exemplar einer Gruppe. Und niemand wird zum Fürsorgeobjekt eines anderen. Jeder hat vielmehr Anspruch darauf, seinem Gegenüber als Dialogpartner entgegentreten zu können, und jeder steht in einer Beziehung, in der er etwas zu sagen hat und etwas bedeutet.
Das ,meine Damen und Herren, liegt ganz auf der Linie dessen, was die interkulturelle Woche von Anfang an ins Bewusstsein heben wollte und bis heute ins Bewusstsein heben will:
Es geht um die Würde des Einzelnen, nicht um seinen Mehrwert.
Es geht um den Sinn des Lebens, nicht um den Nutzen von Arbeitskräften.
Es geht um „du und ich“, nicht um „wir und die da“.
Bleiben Sie getrost vor den Bildern etwas länger stehen!