Freistaat Thüringen Freistaat Thüringen - Ausländerbeauftragte der Thüringer Landesregierung

Inhalt

Begrüßung

Tag der deutsch-afrikanischen Begegnung

am 21. Juni 2003 in Erfurt

Meine Damen und Herren,

was bedeutet es, als Afrikaner in Thüringen zu leben? Was bedeutet es für die afrikanischstämmigen Bürger? Was bedeutet es für die Thüringer Gesellschaft insgesamt?

So könnte die Grundfrage des heutigen Tages lauten, gewissermaßen die Überschrift.

Sie, meine Damen und Herren, sind der Einladung zu einer Konferenz gefolgt, die den Auftakt eines Tages der deutsch-afrikanischen Begegnung bildet. Ich freue mich über Ihr Interesse und heiße Sie von Herzen willkommen.

Programmgemäß sollte ich an dieser Stelle als den Vertreter der Landesregierung den Bevollmächtigten des Freistaates Thüringen beim Bund Herrn Staatssekretär Hans Kaiser begrüßen. Aber unser Konferenzprogramm wurde vier Wochen vor einer anderen Ära geschrieben. Ich habe nunmehr die Freude, das Mitglied der Thüringer Landesregierung, Herrn Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten Hans Kaiser zu begrüßen. Herzlich willkommen! Herr Minister, Sie haben Ihr Amt noch nicht lange inne. Also muss es noch erlaubt sein, Ihnen für Ihre neue Aufgabe viel Kraft und alles Gute zu wünschen. Schon vorab vielen Dank, dass Sie nach meinen einleitenden Ausführungen ein Grußwort an uns richten werden! Ich weiß, dass Sie heute noch andere wichtige Termine haben. Um so dankenswerter ist Ihre Anwesenheit, und ich denke, die Teilnehmer werden es zwar bedauern, aber auch respektieren, wenn Sie die Konferenz vorzeitig verlassen müssen.

Bevor man miteinander ins Gespräch kommt, benötigt eine Konferenz bekanntlich frische Impulse, Erkenntnisse und Ideen, sozusagen geistige Nahrungszufuhr. Sie, Frau Professorin Dr. Renate Nestvogel, und Sie, Herr Dr. Onyeama Oji, haben sich bereit erklärt, Impulsreferate zu halten. Dafür haben Sie den Weg von Essen bzw. Bochum hierher nach Thüringen nicht gescheut. Seien Sie in Erfurt herzlich willkommen!

Ihr Aufgabengebiet, Frau Prof. Nestvogel, liegt unter anderem in der interkulturellen Bildungsarbeit und internationalen Bildungsforschung. Sie haben Erziehungswissenschaft, aber vor allem auch Sprachen (Anglistik, Romanistik) studiert. Damit verfügen Sie über das wichtigste Instrumentarium für die interkulturelle Begegnung. Sie sind in der Soziologieforschung tätig und lehren an der Universität Gesamthochschule Essen interkulturelle Pädagogik. Sie haben unter anderem in Projekten zur Bildungsentwicklung von Entwicklungsländern mitgewirkt und waren zu Forschungsaufenthalten und Gutachterreisen u.a. in der Türkei, in Pakistan, Zimbabwe, Marokko und El Salvador.
Heute sind Sie in Thüringen. Ich bin gespannt auf Ihren Beitrag.

Herr Dr. Oji, Sie stammen aus Nigeria. Sie haben an der Ruhr Universität Bochum Bauingenieurwesen studiert und sind promoviert worden. Sie betreiben ein selbständiges Ingenieurbüro. Über Ihren Beruf hinaus organisieren Sie Seminare und Beratungen für ausländische Studenten, denen ja das Leben und Studieren in Deutschland erst einmal fremd ist. Persönlich beschäftigen Sie sich mit Fragen der kulturellen Identität. Von sich selbst sagen Sie, dass Sie sich inzwischen weder als Afrikaner noch als Deutscher verstehen, sondern als eine Mischung aus beidem, als etwas Neues. Besonders treten Sie für die Selbstorganisation der afrikanischen Einwanderer ein, ein Thema, das uns nach der Mittagspause sehr konkret auf Thüringen bezogen beschäftigen soll. Ich glaube, viele Konferenzteilnehmer sind neugierig darauf, welche Ihrer Erfahrungen nach Thüringen importiert werden können.

Meine Damen und Herren, wenn ich Sie hier willkommen heiße, dann geschieht das nicht nur in eigenem Namen. Der Tag der deutsch-afrikanischen Begegnung, zu dem auch das Begegnungsfest am Nachmittag auf dem Rathausplatz gehört, wird von einer ehrenamtlichen Vorbereitungsgruppe getragen und mitgestaltet. Stellvertretend für das gesamte Vorbereitungsteam nenne ich sechs Vorsitzende afrikanischer bzw. interkultureller Vereine, die die heutige Veranstaltung mittragen: Es sind die Herren Ngisa Luvunga, Domino Adams, Lemma-Y. Betru, Americo Israel, Manuel Paca und Alexandre Chivite.

Meine Damen und Herren,

Tag der deutsch-afrikanischen Begegnung – das erfordert als ersten Schritt einander wahrzunehmen. Durch afrikanische Mitglieder der Vorbereitungsgruppe bin ich im Vorfeld des heutigen Tages auf liebenswürdige Weise provoziert worden. Wir können uns ja durchaus prominente Referenten einladen, so hieß es. (Was wir dann ja auch mit Frau Nestvogel und Herrn Oji getan haben). Aber ich solle als Ausländerbeauftragter der Landesregierung doch selbst einmal Stellung nehmen, wie ich Afrika, afrikanische Kulturen und die Afrikaner in Thüringen sehe, solle sagen, welches „Bild“ ich von ihnen hätte. Darf man sich einer solchen freundlichen Aufforderung entziehen?

Schlagartig fiel mir der Schweizer Schriftsteller Max Frisch ein. Liebende, so reflektiert er in einem seiner Tagebücher, könnten nie so genau sagen, wie der andere eigentlich ist. Sie wüssten nie so genau, was am anderen sie eigentlich lieben. Sie haben kein festes, kein beschreibbares, „Bild“ von der geliebten Person. Sie haben sie nicht auf den Begriff gebracht. Und das Frappierende: Erst wenn die Liebe keine Kraft mehr hat, behauptet man zu wissen, wie der (oder die) andere ist. Dann hat man ein Bild von ihm. Es ist nach Max Frisch genau umgekehrt als gemeinhin angenommen. Nicht weil man den anderen kennt, vermag man nicht mehr zu lieben, sondern weil die Liebe erloschen ist, glaubt man den anderen zu kennen. Wenn Müdigkeit eingekehrt, die Zuneigung erledigt, das Engagement tot ist, wenn Abneigungen und Ängste die Oberhand gewinnen, dann bekommt der andere die Maske verpasst, die immer Maske bleibt und kein Gesicht mehr werden kann. Erst wenn man ihm keine Entwicklung mehr zutraut, wird er genauestens beschrieben, katalogisiert, eingeordnet, in Schubladen gesteckt – little boxes, all the same. So festgemacht, eingesperrt, angenagelt bleibt ihm freilich keine Chance. Wenn die Liebe keine Kraft mehr hat, dann, ja dann wissen wir Bescheid. Sollte es um die Begegnung der Kulturen anders bestellt sein?

„Du sollst dir kein Bild machen“ überschreibt Max Frisch die Reflexionen, die ich hier mit eigenen Worten zusammengefasst habe. Und damit zitiert er sowohl den islamischen Koran als auch die jüdische Thora. Das Bilderverbot, das Judentum und Islam gemeinsam haben, ist vielleicht doch nicht so altmodisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Warum soll man es nicht modern, aufgeklärt, auf den Menschen bezogen, gesellschaftsbezogen interpretierten können? „Du sollst dir kein Bild machen“ heißt dann: Zukunft eröffnen, Leben lassen, an die je besseren Möglichkeiten glauben, einander nicht zu Gefangenen einer Kultur erklären, einander nicht in den Kerker vermeintlicher kultureller Identität sperren, einander nicht die Chance absprechen, neue Wege zu gehen, Akkulturationen zu vollziehen, Pluralität auszuprägen.

„Du sollst dir kein Bild machen“ heißt auch, es sich grundsätzlich zu versagen, den anderen zur Leinwand für eigene Projektionen zu machen. Und damit wird jede Form des Rassismus im Kern überwunden.

„Du sollst dir kein Bild machen“, kann ferner heißen, kulturelle Identität nicht festgefügt, nicht statisch, sondern prozesshaft, dynamisch, entwicklungsbezogen zu denken. Wer es etwas philosophisch haben will: Menschen und Kulturen wird man nicht gerecht, wenn man über ihre Wirklichkeiten, sondern wenn man über ihre Möglichkeiten spricht. Aus all dem folgt für meinen begrenzten politischen Auftrag das Prinzip, Begegnungen über Beurteilungen zu stellen und dafür einzutreten, dass die Gesellschaft diesem Prinzip folgt. Nein, ich glaube nicht, von Afrika und den Afrikanern in Thüringen ein Bild zu haben.

Sich kein Bild zu machen, heißt nun allerdings nicht, sich blind oder taub zu stellen. Zur Vorbereitung auf den heutigen Tag habe ich über mehrere Wochen hinweg aus ein paar überregionalen Zeitungen einen Pressespiegel mit Nachrichten über Afrika zusammengestellt. Einige Exemplare liegen aus. Dessen Lektüre ist nun freilich geeignet, Depressionen zu erzeugen. Kriege, Bürgerkriege, Massaker, Kindersoldaten, Despotismus, Folter, Korruption, Hunger, Aids, genitale Verstümmelung von Frauen, Flüchtlingslager, mangelnde Gesundheitsversorgung, Arbeitslosigkeit, Tribalismus, Rassismus, Armut, religiöse Intoleranz, Analphabetentum, ökonomische Rückständigkeit – das sind die Themen, die einem auf fast jeder Seite begegnen. Vermutlich sind nicht wenige Afrikaner, die sich in Deutschland aufhalten bzw. niedergelassen haben, aus Gründen hier, die mit solchen Nachrichten zusammenhängen. Und diese Nachrichten erzeugen nun einmal Bilder, die sich in den Köpfen der Menschen festsetzen. Nun wissen wir: Wer sich aus den Nachrichten ein Mosaik zusammensetzt, erhält ein Bild, das aus der Summe aller Abweichungen vom normalen Leben besteht. Europa besteht auch nicht nur aus der Summe aller Autounfälle, von denen man täglich, oder aus der Summe aller rassistischen Übergriffe, von denen man gelegentlich in der Zeitung liest. Aber genügt diese Einsicht? Wo also finden wir das „normale“ Leben? Wo hat afrikanische Kultur und Lebensweise die Möglichkeit, sich zu artikulieren, sich authentisch zu zeigen? Diese Frage wirft eine weitere Frage auf, nämlich die nach der Rolle der afrikanischen Einwanderer für die Aufnahmegesellschaft und nach der Bedeutung dessen, was gegenwärtig – fast schon etwas modisch – interkultureller Dialog oder interkulturelle Begegnung genannt wird.

Meine Damen und Herren,

Die Überschreitung kultureller Demarkationslinien durch Migranten ist längst ein Massenphänomen, auch wenn wir in unserem beschaulichen Thüringen mit einem Ausländeranteil von weniger als zwei Prozent das noch nicht so recht wahrnehmen wollen. Und dieser Vorgang ist keineswegs zu romantisieren oder zu verklären. Während Einwanderer einerseits das Recht auf kulturellen Unterschied in Anspruch nehmen wollen und sollen und durchaus eingeladen sind, mit eigenen kulturellen Leistungen die Aufnahmegesellschaft zu beeinflussen und zu verändern, werden sie zugleich damit rechnen müssen, dass bestimmte kulturell bedingte Verhaltensweisen zurückgewiesen werden. Um das an Beispielen zu erläutern: Wie sich jemand kleidet oder welche Haartracht er bevorzugt, ist in unserer ziemlich individualisierten Kultur weithin dem persönlichen Geschmack des Einzelnen überlassen. Dagegen müssen aus traditionellen Gesellschaften importierte patriarchalische Verhaltensmuster mit dem Widerstand der öffentlichen Meinung rechnen. Das um so mehr, da unsere Gesellschaft selbst den Prozess noch nicht vollendet hat, solche Verhaltensmuster abzustreifen und die Gleichberechtigung von Frau und Mann überall real durchzusetzen.

Und archaische Sitten wie beispielsweise die schon erwähnte genitale Verstümmelung von Frauen und Mädchen bleiben Straftaten und können auch unter Berufung auf kulturelle Identität keineswegs mit Toleranz rechnen.

Der Satz „Fremde Kulturen sind eine Bereicherung“ ist richtig und falsch zugleich. Die Begegnung der Kulturen ist zunächst erst einmal unausweichlich, und es hat sie schon immer gegeben. Und selten verläuft sie konfliktfrei. Konkret bedeutet die Begegnung der Kulturen Begegnung von Menschen. Es liegt an uns allen, uns einander bereichernd zu präsentieren. Der heutige Tag lädt dazu ein. Fremde Folklore, und dazu zähle ich Speisen, Tänze, Schmuck, Musik, Kleidermoden, Kunstwerke, Bilder und Geschichten, erfreuen uns schnell. Sie sind gewissermaßen ein kultureller Brückenschlag in den sinnlich erfahrbaren Alltag der Menschen hinein. Deswegen zielt der heutige Tag auf das Begegnungsfest am Nachmittag mit hoffentlich breiter Beteiligung der Bevölkerung. Verschiedene Werteordnungen und Weltanschauungen, Lebensstile und Gewohnheiten hingegen sind schwerer zu vermitteln als sinnlich erfahrbare Kulturgüter. Hier ist die Anstrengung des Begriffs erforderlich. Hier ist die Mühsal der Aufklärung erforderlich - unser Anliegen heute Vormittag.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss.
Die Grundformel jeglicher Aufklärung und damit auch jeder interkulturellen Begegnung findet sich – für manche irritierend – bereits im Neuen Testament: „Prüfet alles, das Gute behaltet!“ Dieses Prinzip ist kulturübergreifend und kulturkritisch zugleich. Es könnte denen helfen, die in ein fremdes Land einwandern. Und es könnte denen helfen, die sich auf die Wertvorstellungen, die Lebensstile und die Ausdrucksformen von Einwanderern neugierig einlassen wollen. „Prüfet alles, das Gute nehmt an!“ – vielleicht eine Maxime der interkulturellen Begegnung über den heutigen Tag hinaus.