Inhalt
Grußwort
zur Eröffnung der Fotoausstellung "...angekommen"
am 25. August 2003 in Weimar
Meine Damen und Herren,
wer die öffentlichen Äußerungen wahrnimmt, die gesprochen oder gedruckt seit mehr als zehn Jahren von meinem Amt getätigt werden, der wird, wenn es um Ausländer, geht immer wieder auf drei Begriffe stoßen: den Namen, das Gesicht, die individuelle Lebensgeschichte. Diese drei Begriffe sind für mich Programm. Sie sind Programm dafür, wie jeder einzelne Thüringer Immigranten wahrnehmen sollte. Von Anfang an zähle ich es zu den Aufgaben meines Amtes, dagegen anzugehen, dass von „den“ Ausländern immer nur in der Anonymität des Plurals, immer nur in pauschalisierender Verallgemeinerung die Rede ist. Die erste Broschüre, die 1993 von meinem Amt herausgegeben wurde, trägt den Titel „Lebenswege“. Sie enthält biographische Interviews, Lebensgeschichten, die aufzeigen, wie es gekommen ist, dass sich Personen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt hier in Thüringen niedergelassen haben. Was gibt es Spannenderes als die Geschichten, die das Leben selbst schreibt? Was ist spannender, als wahrzunehmen, wie sich der Zustand unserer Welt, wie sich politische Konstellationen und gesellschaftliche Verhältnisse in den Lebensumständen derer brechen und spiegeln, die nicht unbedingt zu den Personen des öffentlichen Lebens, nicht unbedingt zu den Prominenten gehören, und die Ländergrenzen überschritten haben, nicht nur kurzfristig, die Sprachbarrieren überwunden haben, die ihr Leben über kulturelle Demarkationslinien hinweg organisiert haben und die sich oft erhebliche Anpassungsleistungen an die Gepflogenheiten der neuen Heimat nicht haben ersparen können.
Das ist im Kern auch die Botschaft, auf die diese Ausstellung das Interesse lenken will. Es werden Menschen porträitiert, die aus einem der 149 Länder der Welt stammen, aus denen sich Immigranten in Thüringen niedergelassen haben. Unser Interesse wird gelenkt auf den Namen – das ist die Anrede, die echte Kommunikation erst ermöglicht, auf das Gesicht und einige ausgewählte Daten der jeweiligen Lebensgeschichte, die ahnen lassen, wie durch die äußeren Umstände gestaltet und selbst diese Umstände gestaltend sich eine persönliche Biographie entwickelt, eine Biographie, die aus der Perspektive der Einheimischen als nicht alltäglich gelten muss.
Meine Damen und Herren, diese Ausstellung wurde konzipiert und realisiert von dem Fotografen Thomas Kummerow. Gern habe ich mit den Mitteln meines Amtes das Projekt unterstützt. Damit muss sich Ästhetik gefallen lassen, gesellschaftspolitisch instrumentalisiert zu werden. Wie meine ich das? Die rein ästhetische Wahrnehmung der Fotografien überlasse ich dem interessierten Besucher. Aus politischer Perspektive nenne ich diese Ausstellung für die Thüringer sozusagen die zweitbeste Lösung. Die beste wäre der intensive und als selbstverständlich empfundene persönliche Kontekt zwischen Einheimischen und Immigranten. Es wäre mein Wunsch, dass die ästhetisch vermittelte Wahrnehmung von Immigranten helfen würde, der unmittelbaren, persönlichen Kommunikation mit ihnen den Boden zu bereiten.
Der Thüringen Monitor 2002, eine soziologische Studie über die politischen Einstellungen der Thüringer Bevölkerung, hat zutage gefördert, dass die Einstellungen vieler Thüringer Zuwanderern gegenüber noch erheblich durch Unwissenheit und persönliche Distanz gekennzeichnet sind. Den entscheidenden Mangel sehen die Sozialwissenschaftler in der geringen Zahl an persönlichen Alltagskontakten zwischen Thüringern und Menschen aus anderen Ländern. Wohlgemerkt, es geht um Alltagskontakte. Ein Auslandsurlaub, bei dem man oberflächlich ein paar nette Leute kennen lernt, ist immer eine – meist angenehme - Ausnahmesituation. In den alten Ländern der Bundesrepublik ist es viel selbstverständlicher, Umgang zu pflegen mit Mitschülern, Arbeitskollegen, Nachbarn und Freunden, die oder deren Vorfahren aus allen möglichen Ländern nach Deutschland eingewandert sind. Ausländerabwehrende Einstellungen entspringen vielfach fehlender persönlicher Erfahrung im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen.
In unserem beschaulichen Thüringen mit einem Ausländeranteil von knapp zwei Prozent der Bevölkerung gerät leicht aus dem Blick, dass Migrationen über Landesgrenzen hinweg längst Massenphänomene sind, denen sich nahezu jede moderne Gesellschaft zu stellen hat. Migrationen sind nichts Romantisches und nicht Idyllisches. Sie haben oft mit Härten des Lebens zu tun. Sie fordern den Zugewanderten einiges ab an Anpassung und Neuorientierung. Und Sie fordern die Integrationskraft der Aufnahmegesellschaft heraus, deren humanes Fundament nicht verordnet werden kann: Akzeptanzbereitschaft. Wenn diese Ausstellung die Akzeptanzbereitschaft der einheimischen Bevölkerung Immigranten gegenüber fördert, dann hat sie eine gesellschaftspolitische Funktion, die sich der Künstler, der Fotograf Thomas Kummerow ganz einfach gefallen lassen muss. Dann hat sie die Funktion, die ich ihr wünsche.
„Heimat“, so äußert sich einer der Porträtierten, “ist nicht einfach das Land, in dem man auf die Welt gekommen ist, sondern das, wo man seine Familie gegründet hat, wo die Freunde wohnen, wo man arbeitet.“
Den Immigranten in Thüringen wünsche ich Beheimatung. Den Besuchern dieser Ausstellung wünsche ich nachdenkliches Verweilen.