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Grußwort
zum 6. Tag der deutsch-ausländischen Gesellschaften
am 6. September 2003 in Erfurt
Meine Damen und Herren,
liebe Mitglieder der deutsch-ausländischen Gesellschaften in Thüringen,
verehrte Gäste,
herzlich wollkommen zum sechsten Tag der deutsch-ausländischen Gesellschaften in Thüringen!
Die zentrale These dieser Veranstaltung sei gleich an den Anfang gesetzt: Die Beziehungen Deutschlands zu anderen Ländern (oder näher hin Thüringens zu anderen Regionen) sind zu wichtig, um sie allein den Politikern zu überlassen.
Deshalb ist es gut, dass es deutsch-ausländische Freundschaftsgesellschaften gibt, Gesellschaften, die ihr Interesse auf die Beziehungen Deutschland zu jeweils einem Partnerland richten.
Deutsch-ausländische Gesellschaften haben in der Bundesrepublik eine lange Tradition. Manche arbeiten auf lokaler, manche auf regionaler Ebene und manche sind bundesweit organisiert. Einige haben prominente Personen des öffentlichen Lebens zu Vorsitzenden.
Hier bei uns in Thüringen erinnern sich Viele noch an Zeiten, in denen freundschaftliche oder partnerschaftliche Beziehungen zu Menschen aus anderen Ländern nur von staatlich ausgewählten und kontrollierten Funktionären wahrgenommen werden sollten bzw. durften. Solche Beziehungen waren meist steril und gingen gewöhnlich an den Bedürfnissen der Menschen, am konkreten Leben vorbei. Seit etwas mehr als zehn Jahren haben sich auch in Thüringen Gruppen zusammengefunden, die neue Beziehungen zu anderen Ländern geknüpft oder an alte angeknüpft und sie neu gestaltet haben. Die wenigsten dieser Gruppen, das muss leider gesagt werden, leiden an einem Überschuss an Mitgliedern. Aber wer mitmacht, der weiß, zumindest spürt er es, dass er seine Zeit, seine Ideen, seine Phantasie und seine Fähigkeiten für etwas einsetzt, dass Freude macht und zugleich dem Gemeinwesen nützt. Deutsch-ausländische Gesellschaften tun ihren Mitgliedern gut, und sie tun der Gesellschaft gut.
Die in Thüringen aktiven deutsch-ausländischen Gesellschaften mögen in der Mehrzahl klein sein, aber sie haben denen aus anderen Regionen der Bundesrepublik etwas voraus. Wie überall verfolgt jede Freundschaftsgesellschaft ihre eigenen Ziele, hat ihr eigenes Profil und regelt ihre eigenen Angelegenheiten. Aber seit sechs Jahren gibt es alljährlich in Thüringen den Tag der deutsch-ausländischen Gesellschaften, an dem die Mitglieder gemeinsame Anliegen diskutieren und sich gemeinsam der Öffentlichkeit präsentieren. So haben heute Vormittag Mitglieder verschiedener Freundschaftsgesellschaften zu einem gemeinsamen Workshop zusammengefundenund beraten, wie sie ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit professionalisieren können.
1998 hatte ich erstmals zu einem gemeinsamen Treffen der Vereine eingeladen, inzwischen ist eine gute Tradition daraus geworden, die sich beinahe selbst trägt und von meinem Amt nur noch beratend begleitet und etwas finanziell gefördert wird. In diesem Jahr hat die deutsch-amerikanische Gesellschaft die Hauptverantwortung für die Organisation übernommen. An dieser Stelle ein Danke schön an Herrn Michael Schuster, den Vorsitzenden der deutsch-amerikanischen Gesellschaft in Thüringen, und an alle, die bei der Vorbereitung mitgewirkt haben und heute Nachmittag hier mitwirken.
Meine Damen und Herren, der Thüringen Monitor 2002, eine von der Landesregierung veranlasste sozialwissenschaftliche Studie über die politischen Einstellungen der Thüringer Bevölkerung, hat zutage gefördert, dass die Einstellung vieler Thüringer Ausländern gegenüber noch erheblich durch Unwissenheit und bewusste persönliche Distanziertheit gekennzeichnet ist. Den entscheidenden Grund dafür sehen die Sozialwissenschaftler in der geringen Zahl der persönlichen Alltagskontakte zwischen Thüringern und Menschen aus anderen Ländern. Durchschnittlich, so kann man der Studie entnehmen, haben diejenigen eine eher negative Einstellung zu Leuten aus anderen Ländern, die zu ihnen keine Beziehung haben. Ausländerabwehrende Einstellungen wurzeln also vielfach in fehlenden persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen. So sind wir nun mal, aber so muss es nicht bleiben. Die deutsch-ausländischen Gesellschaften wissen hier um ihr schier unerschöpfliches Betätigungsfeld.
Es gilt, Informationen zu vermitteln über andere Länder und Kulturen, Kontakte über Ländergrenzen hinweg zu knüpfen und zu pflegen, den Austausch von Ideen und Lebensauffassungen zu fördern und die institutionalisierten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen kulturell zu begleiten, sie gewissermaßen gesellschaftlich zu unterfüttern.
Interkulturelle Beziehungen müssen keine bierernsten Angelegenheiten sein. Sie machen Freude und sind anstrengend. Das schließt sich bekanntlich nicht aus. Sie tragen ihren Wert in sich, und sie dienen zugleich der Wirtschaft, der Politik und der Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas im eigenen Land. Menschen über Ländergrenzen hinweg auf einander neugierig zu machen, ist stets Dienst am kulturellen Niveau einer Gesellschaft. Manchmal werden dadurch Entfremdungen von Völkern verhindert, deren Politiker nicht miteinander können, oder zeitweise nicht miteinander können (wie wir es beispielsweise mit Amerika erleben). Und manchmal ist solch ein Engagement sogar Friedensdienst.
Nicht immer wird den deutsch-ausländischen Freundschaftsgesellschaften die öffentliche Aufmerksamkeit zuteil, die ihrem Anliegen angemessen wäre. Heute soll ihr Anliegen auf den Schild gehoben werden. Ich wünsche den Akteuren neugierige Gäste und den Gästen einen anregenden Nachmittag.